Wunschzettel an die Schule – meine Erfahrungen

Vom 7.11. bis am 13.11.2022 lief meine allererste Blogparade „Wunschzettel an die Schule“, bei dem alle, die sich zu diesem Thema äussern wollten, ihre Meinung kundtun durften. Bunt gemischt waren dann auch die Hintergründe der Menschen, die sich meldeten. Die Kanäle waren vielfältig: LinkedIn, Mail und einige doch auch über ihre eigene Website. Sogar meine Schüler:innen aus den Fördergruppen haben an diesem Thema gearbeitet. Ihre Rückmeldungen haben sie allerdings meist in Form von Bauwerken und Plakaten aufgezeigt.

Zwei grosse Punkte, denen ich lauter nicht zustimmen könnte, kristallisierten sich heraus:

Das Schulsystem von Grund auf neu erfinden!

Lernbegleiter statt Lehrpersonen

Alle Artikel der Blogparade

  1. Karin Kahl von Menschensbildung schreibt in ihrem Blogbeitrag „Schulen der „Zukunft“, dass ein über 300 Jahre altes Bildungssystem nicht mehr jene Menschen ausbilde, die es eigentlich brauchen würde. Sie prangert an, dass Erkenntnisse aus Psycholgogie und Hirnforschung immer noch ignoriert werden und in der Schule immer noch gleichgültige Befehlsempfänger produziert würden, die an der Ausbeutung unseres Planeten ohne zu fragen mitwirken. Ihre Forderung an die Lernorte der Zukunft:
    Altersdurchmischtes Lernen
    Spiel-Räume
    Eigenverantwortung im Lernen
    Gelegenheiten, mit den wichtigsten Werkzeugen der Kultur zu spielen
    sichere, wertschätzende Lerngemeinschaften
    unterstützende, erwachsene Vorbilder

  2. Clarita Kunz schreibt folgendermassen: Schulen sollten die Fächer Deutsch und Mathematik so gestalten, dass Schülerinnen und Schüler zeitlich unbegrenzt, also auch das Schuljahr übergreifend, im selbstgewählten Tempo arbeiten dürfen. Klassen mit Gleichaltrigen sollen nicht mehr zur gleichen Zeit zum gleichen Thema Prüfungen schreiben müssen. Damit würde mehr Potenzial ausgeschöpft. Nicht mehr nur vier Fünftel, sondern alle würden die grundlegendsten Lernziele erreichen und die Hochbegabten würden nicht mehr gebremst. Änderungen wie diese können schon morgen umgesetzt werden, zum Wohle der ganzen Gesellschaft. Sie verweist auch auf ihr Buch „Schule als Leistungsbremse“, das im März 2023 im Schwabe-Verlag erscheinen wird.

  3. Die Lerntherapeutin Susanna Seyfried wünscht sich eine Schullandschaft, in der Schüler mit Legasthenie und Dyskalkulie und alle, die einfach etwas mehr Zeit brauchen, nicht mehr im Regen stehen gelassen werden. Sie bedauert, dass multiprofessionelle Teams und insbesondere Lerntherapeuten an Schulen soviel bewegen können. Dies geschieht leider nicht, weil es in Deutschland für Lerntherapeuten, die an Schulen tätig werden möchten, keine festen Rahmenbedingungen gibt. Externe Lerntherapien kosten Geld und viele Eltern können sich dies nicht leisten. Sie findet, dass es auch daher an der Zeit sei, endlich Schule neu zu denken. Dabei solle auch das Potenzial von Lerntherapeuten für die Schüler, die Eltern, aber auch zur Entlastung der Lehrkräfte gesehen werden. Weitere Ausführungen dazu macht sie hier.

  4. Angelika Bockelbrink hat eine holistische Lernwerkstatt gegründet, in der Lernen Freude machen soll, weil sie als Mutter von drei Kindern seit einigen Jahren sehr intensiv mit dem Thema Schule befasst ist. Ihre beiden Söhne und meine Tochter zeigen ihr oft, dass Schule nicht bietet, was sie brauchen, und dass viele Ansätze, denen sie dort begegnen, völlig entgegengesetzt sind zu allem, was wir sie als Familie leben und sein wollen.
    Ihre konkreten Wünsche an Lernorte wären:
    Stärkung der Eigenverantwortung
    Förderung der intrinsischen Motivation
    Vermittlung von Lernstrategien
    Ermöglichung eigenständiger Wissensvermittlung
    Förderung von Selbstwert und Selbstvertrauen
    Förderung von Stärken und Entdeckungsmöglichkeiten davon
    Erkennung und Freiräume für Interessen
    Schärfung des sozialen und ökologischen Bewusstseins
    Integration von Entspannung und Entschleunigung

  5. Die Geschichtenerfinderin, Raumfahrtingenieurin und Mutter Lucie Stumm hat auf ihren Wunschzettel an die Schule folgenden Gedanken notiert:
    Problemlösungskompetenzen anstatt reine Wissensvermittlung
    Anerkennung mehrerer richtiger Wege
    jahrgangsübergreifendes Lernen
    mehr „fachübergreifende“ Projekte
    Eltern in Projekte einbinden

  6. Maria Klitz` Sohn wurde 2022 ein Schulkind und damit entstanden ihre Wünsche an das System Schule. Ihre Wunschliste umfasst mehrere Bereiche, sie richtet Wünsche an die Lehrpersonen und die Schule und formuliert Wünsche für die Kinder. Einige davon notiere ich hier, die andern kannst du gern hier nachlesen.
    dass Lehrpersonen Kinder als Menschen sehen
    dass sie mit den Eltern eng zusammen arbeiten
    dass sie sowohl übers Wochenende als auch über die Ferien keine Hausaufgaben geben
    dass Lehrer ausreichend Vorbereitungszeit haben
    die Fächer Glück, Selbstliebe und Achtsamkeit
    gut ausgestattete Räume
    saubere und funktionierende Toiletten

    Den Kindern wünscht Maria
    Freude
    Zusammenhalt
    altersübergreifende Klassen
    Experimente
    Inklusion

  7. Über die „Utopie einer Bildungslandschaft“ schrieb Brigitte Stark-Mäder einen Gastbeitrag auf meiner Blogwiese. Sie arbeitet bei der Initiative für Bildungsgerechtigkeit mit, über die die Schweizer Stimmberechtigten im nächsten Jahr befinden dürfen.
    Für eine zukünftige Schullandschaft erhofft sie sich Offenheit und Authentizität. Eine Offenheit, die in den Köpfen, aber auch räumlich stattfindet. Die Kinder bringen viele eigene Ideen und Anregung mit und glühen dafür, die Welt entdecken zu dürfen. Sie bringen ihre Wünsche ein, die natürlich von einem Lehrplan abweichen, die man aber respektieren und aufnehmen kann. Sie wünscht sich auch die Offenheit, dass Personen an der Schule einbringen dürfen, die keine pädagogische Ausbildung haben, aber die genauso für bestimmte Themen brennen und genau deshalb in diesem Bereich eine authentische Ausstrahlung haben. 

  8. Victor Steiner, der mit seiner Frau Karin Anderhalden die Grundacher Schule, die gerade letzte Woche mit einem LISSA par Excellence – Preis ausgezeichnet wurde, gegründet hat, plädiert für Selbstwirksamkeit:
    Ich bin überzeugt, dass, wenn wir es schaffen wegzukommen vom Belehren hin zum individuellen Lernen, zum Lernen an Projekten, an denen sich die Kinder auch die nötigen Kompetenzen, die sie für ihre Zukunft brauchen, aneignen können. Ein Beispiel aus der GrundacherSchule , wie das gehen könnte, ist jenes des „Gwundergartens“ hier.

  9. Die Mindset-Trainierin und Lehrerin Bianka Rezan, mit der ich kürzlich ein Gespräch geführt habe, macht auf die Wichtigkeit der Achtsamkeit aufmerksam. Für sie gehört Achtsamkeits-Training ganz klar auch in die Schulen. In ihrem Blogartikel beschreibt sie, wie Kinder an das Wort „Achtsamkeit“ herangeführt werden können:
    Um Kindern zu erklären, wofür Achtsamkeit steht, ist es sinnvoll, das Wort zuerst einmal in den Bezug zu seiner Bedeutung zu stellen. Wir können Kindern leicht erklären, was es bedeutet, auf etwas zu achten. Dies lässt sich mit einfachen Beispielen, Fragen und Anleitungen veranschaulichen:
    Achte genau darauf, was ich jetzt tue.
    Hast du darauf geachtet, wo ich eben den Schlüssel hingelegt habe?
    Bitte beachte, dass das Fenster vorsichtig geschlossen wird.
    Achten bedeutet also, sehr aufmerksam zu sein, eine Information durch genaue Beobachtung zu erhalten und auch, sie zu berücksichtigen. Wer achtsam ist, richtet seine Wahrnehmung sehr genau auf den aktuellen Moment und auf alles, was darin gerade geschieht und wahrzunehmen ist. Gleichzeitig geht es auch darum, wie man auf das reagiert, was beobachtet und erlebt wird. In diesem Zusammenhang steht Achtsamkeit also auch dafür, nicht voreilig zu reagieren, sondern zuerst einmal in Ruhe wahrzunehmen und die Wahrnehmung einfach anzunehmen. So können auch emotionale Überreaktionen und allzu impulsives Verhalten verhindert werden.“

Und was meinen die Lernenden?

In den Wochen der Blogparade haben sich auch meine Lernenden aus den Begabtenfördergruppen mit dem Thema Schule/ Wunschschule/ Traumschule auseinandergesetzt. Wir haben dazu die wunderbaren Karten von „wir machen Schule“ angeschaut und besprochen, wie Schule war, ist und sein könnte:

Altersabhängige Visionen

Die Schüler:innen (SuS) hatten anschliessend über mehrere Wochen Zeit, ihre Ideen zu einer neuen Schule darzustellen. Arbeitsform und Medium waren ihnen freigestellt. Die Jüngsten haben gemalt und geschrieben: So tippte N., eine Siebenjährige in ihr Netbook:

Es gibt zwei Klassenzimmer, ein Schwimmbad, zwei Turnhallen und ein Tanzraum. Es hat 5 Kinder und eine Lehrerin. Der Tanzraum ist leer. In jeder Turnhalle hat es zwei Paar Ringe. In den Schulzimmern hat es für jedes Kind ein Pult und einen Stuhl. Im Schwimmbad hat es ein Sprudelbad.

Die 5. Klässler haben sich entschieden, als Gruppe zu arbeiten. Ihre Schulanlage entstand aus Lego und Kappla als Gemeinschaftswerk. Hier wurde wieder mal sichtbar, wie die 4 Ks (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken) als Fähigkeit gefragt sind und in Zukunft noch einen viel grösseren Stellenwert einnehmen werden.

Traumschulanlage
Action School

K. , aus dieser Gruppe beschreibt die Action School, wie die Gruppe sie genannt hat, folgendermassen:

Das ist die beste Schule der Welt. Das Schulhaus wurde von einem starken Erdbeben erschüttert, deswegen ist das Dach der Schule mal eingebrochen. Aus historischen Gründen hat man das Dach offengelassen. Auch wegen des Erdbebens ist das Schulhaus ein wenig schief. An der Fensterbank Nord-Westen hat der Papagei Flo ein Nest gebaut. Die Lehrer dieser Schule sind alle berühmte Menschen. Am Schulhaus klettert immer ein Affe namens Rocky. In dieser Schule gibt es auch ein bisschen andere Fächer als an anderen Orten. Zum Beispiel Go-Kart fahren, Reiten, Fischen. Auf den Seiten sind noch Wächter, die schauen das kein Angriff aus der Luft kommt. Im Erdgeschoss gibt es noch zwei Tischtennistische.

N. ergänzt:

In der Action School gibt es auch einen Pferdestall mit 9 Schulpferden drin. Es gibt Schimmel, Rappen und Braune.  Den Mädchen gehört jeweils ein eigenes Pferd und wenn die Jungs eines wollen, teilen sie sich eines. Reiten dürfen sie in den Pausen und in der Freizeit. Der Reitunterricht gehört zu der Schule, wie die Hosen zu den Beinen gehören. Einmal in der Woche, jede Klasse ein andermal. Sie lernen alles: Geländereiten, Dressurreiten, Springreiten, Pferderennen und keine Disziplin: Schritt, Trab, Galopp, Körperhaltung und alles, was dazugehört. Die Schüler dürfen sogar in den Ferien die Pferde besuchen und sie reiten. Es hat immer einen Stallwächter. Jedes Pferd hat einen Wert von 30 Millionen Franken. Sie sind sehr talentiert, schnell, wendig, lernen schnell, super Sprungkraft und brav. Die Ställe sind sauber und gross.   

In den Pausen der Action School können die hochbegabten Schüler sich auf dem grossartigen Pausenplatz austoben. Da gibt es ein altes tolles Wrack von einem alten Piratenschiff, auf dem man ganz toll spielen kann, ein Kanu, ein altes Netz, auf dem man sitzen und liegen kann, viele Bäume und Sträucher, ein altes Fass, in dem man sich verstecken kann und zwei riesige Statuen. Die eine ist ein Drache, die andere ein Steinmonster. Auf dem Pausenplatz hat es auch viele Wächter. Die sind da, damit man keinen Unfug macht und dass niemand Fremdes in den Pausenplatz eindringen kann. Znüni bekommen sie von der Schule. Auf dem Pausenplatz verbringen die hochbegabten Schüler jeweils eine dreiviertel Stunde. Danach müssen sie wieder in die Schule. 

Wunschschule

Die drei 6. Klässler haben ebenfalls sich eine Schule ausgedacht- beim Zuhören ihrer Gespräche wurde schon deutlich, dass die drei Harry Potter und Konsorten verinnerlicht haben. Ist ja auch okay, wenn sie sich inspirieren lassen. Ihre Ideen haben sie vor allem grafisch festgehalten. Wer sich Zeit nehmen kann, findet unheimlich viele Details.

Meine Erfahrung aus der Blogparade

  • Da sind ganz viele tolle Menschen ausserhalb der Schul-Bubble, denen das Thema nicht egal ist! Es lohnt sich wirklich, deren Accounts zu besuchen – ich garantiere dir, du wirst hängen bleiben!
  • Wer fragt, bekommt Antworten! Und zwar von Menschen, mit denen du gar nicht gerechnet hast. Das finde ich ja besonders spannend.
  • Die Blogparade hat für einigen Traffic auf meiner Website gesorgt, mein Insta-Account ist häufiger besucht worden und auch auf LinkedIn kamen Reaktionen.

Das Wichtigste aber ist mir, dass sich ganz viele Menschen Gedanken zum Thema machten – auch wenn sie sich nicht explizit in einem Blogartikel geäussert haben. Ich hoffe, dass die Schule ein offener Lernplatz für alle Interessierten wird, sodass auch Begabungs- und Begabtenförderung nicht mehr ausgelagert werden müssen.

Schlagwörter: Potenzial · Schule 

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