Hochbegabte Mädchen

Das kleine Mädchen, das da gerade in meinem Potenzialraum neben mir sitzt und bis eben noch ganz vertieft an „Dschungel Abenteuer“ geknobelt hat, schaut mich nun mit grossen Augen an und sagt ernsthaft: „Das war jetzt richtig toll, weil ich richtig denken durfte!“ Und wie sie gedacht hat, die Kleine!

Ausgangslage war, dass Gioia, ganz im Gegensatz zu ihrem Namen, überhaupt keine Freude mehr zeigte. Weder im Kindergarten noch bei sonstigen Aktivitäten war sie das interessierte, strahlende Mädchen mehr, das sie bis vor einem guten halben Jahr noch war. Nur Ferien brachten ihren sonnigen, an allem interessierten Wesenskern zum Vorschein. Manchmal nützte auch schon ein langes Wochenende.

Gibt es weniger hochbegabte Mädchen als hochbegabte Jungs?

Nein. Ganz klar nein. Zwar gibt es an den Enden der Intelligenzverteilungskurve, also bei ganz schwachen und ganz starken Kindern, eine minime Ausprägung bei den Jungs. Aber auch die Forschung ist einhellig der Meinung, dass diese zu vernachlässigen sei. Es gibt also ungefähr gleich viele hochbegabte Mädchen wie Jungs.

Mädchen und Junge am Lernen
Mädchen und Jungs sind gleich intelligent

Der Unterschied besteht vor allem darin, dass bei Mädchen die Hochbegabung viel weniger erkannt wird. Man spricht davon, dass in öffentliche Beratungsstellen mehr als doppelt so viele Jungs wie Mädchen zur Potenzialevaluation vorbeikommen. Bei mir, bei „begabt & glücklich“, halten sich die Geschlechter in etwa die Waage.
Auch in Förderprogrammen sind meist mehr Knaben als Mädchen – einfach weil da das Sensorium der verantwortlichen Lehrpersonen, aber auch der Bezugspersonen fehlt.

Hochbegabte Mädchen sind in der Regel angepasster und verhalten sich unauffälliger als hochbegabte Jungs. Oft scheinen ihre Interessengebiete weniger „spektakulär“ und in Schule und Kindergarten stören sie auch meist seltener als Knaben. Häufig reagieren sie auch mit Rückzug, Depressionen oder psychosomatischen Beschwerden. Zudem haben hochbegabte Mädchen die Tendenz sich den Erwartungen ihrer sozialen Umwelt anzupassen, weil sie aufgrund ihrer erhöhten sozialen Sensibilität Ausgrenzung, Andersartigkeit oft intensiver wahrnehmen. So ist Mädchen auch häufig wichtig, sich ähnlich wie ihre Freundinnen zu verhalten, was ihnen aufgrund einer höheren Sozialkompetenz auch oft besser als den Knaben gelingt. Oft ist der Preis auch hier eine Anpassung gegen unten, ein Verstecken der hohen Fähigkeiten. Gar nicht so selten machen Mädchen bei Tests auch absichtlich Fehler um nicht aufzufallen. Wie traurig ist das denn!

Warum es gerade für Mädchen wichtig ist, um ihr hohes Potenzial zu wissen

Untersuchungen und auch die Erfahrungen zeigen, dass hochbegabte Mädchen, die nicht um ihr Potenzial wissen, oft weniger Vertrauen in ihre eigene intellektuelle Leistungsfähigkeit aufweisen und dazu neigen, ihre Möglichkeiten zu unterschätzen. Gute Leistungen und Erfolge führen sie oftmals auf ihren hohen Einsatz, Glück oder zu einfache Aufgabenstellungen zurück. Im Gegensatz dazu tendieren hochbegabte Jungs zur Aufwertung ihre Leistungen. Sie überschätzen eher ihre Fähigkeiten und führen ihre Leistungen meist auf ihre Talent zurück.
Wissen jedoch Mädchen um ihre hohe Begabung, unterscheiden sich in ihrer Selbstdarstellung hingegen nicht von den Jungen. Daher ist ein Erkennen einer Hochbegabung bei Mädchen besonders bedeutsam. Als idealen Zeitpunkt erachte ich den sechsten Geburtstag, weil da auch grosse Entwicklungssprünge schon ein wenig ausnivelliert sind. Zusätzlich zu einer angemessen hohen intellektuellen Förderung sind für die Mädchen vor allem eine Stärkung ihres Selbstkonzepts sowie der Austausch mit anderen (hoch) begabten Mädchen wichtig.

Bei der Auswertung biographischer Erinnerungen von Katharina Fietze (2013), die sich mit der weiblichen Hochbegabung befasst, kam heraus, dass hochbegabten Frauen in ihrer Kindheit zwei Arten von Feedback vermissten: Die Wertschätzung ihrer Leistungen und die Wertschätzung ihrer Person. Geschlechterunabhängig gilt für alle Kinder, dass sie, um eine adäquate Selbsteinschätzung zu lernen und eine begabungsentsprechende Identität zu entwickeln, gespiegelt werden müssen. Es sind hauptsächlich die Mädchen, welche die Spiegelung ihrer Intelligenz brauchen.
Diese geschieht in erster Linie durch
– positive Verstärkung
– spezifische Ermutigung
– konstruktives Feedback
und trägt so zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins und ihrer Persönlichkeitsentwicklung bei.  

Praktische Umsetzung daheim

Als Mamma oder sonstige Bezugsperson kannst du sehr viel tun, um dem kleinen klugen Mädchen ein gutes Vorbild zu sein:
Rede mit ihm, wie du dich damals im Kindergarten oder der Schule gefühlt hast. Wie warst du? Wie ging es dir? Hast du gegen Unrecht aufbegehrt, andere Kinder verteidigt, gegen Lehrpersonen rebelliert?

Und wie siehst du das heute? Immer noch werden Frauen in einigen Bereichen tiefer entlöhnt und haben ein geringeres gesellschaftliches Ansehen für ihre Fähigkeiten und Leistungen. Rede mit deiner Tochter darüber. Gib ihr Worte, Ungerechtigkeiten zu zu thematisieren!

Gibt es etwas, was du – unter Umständen sogar aufgrund von Geschlechterstereotypen- bisher nicht gemacht hast? Vielleicht wäre jetzt der Moment, sich ein Herz zu fassen und etwas Neues in Angriff zu nehmen? Rede mit deiner Tochter darüber!

Es ist wichtig, einen positiven Blick auf die eigenen Stärken haben! Er hilft dir, die Fähigkeiten und Besonderheiten deiner Tochter stärker wahrzunehmen. So könnt ihr beide den Mut entwickeln, Wagnisse einzugehen und Neues auszuprobieren. Denn leider ist auch im Jahr 2022 immer noch so, dass Mädchen ihre Stärken nicht leben und deshalb auch in der Ausbildung nicht das anstreben, was ihnen wirkliche entsprechen würde.

Mamma-Tochter-Gespräche sind wichtig

Ausblick

Ich freue mich sehr, dass auch bei uns im Kanton Luzern ab Juli endlich eine Frau an der Spitze des Bildungsdepartements steht. Martina Krieg ist eine Bildungsfachfrau, der ich zutraue, dass sie einen Fokus auf begabte Mädchen haben wird. So ist sie sich bewusst, dass Bildung und Politik für Mädchen und weibliche Jugendliche einen pädagogischen und finanziellen Rahmen schaffen müssen: Aufmerksames Hinschauen, zeitige Identifikation sowie gezielte und systematische Förderung hochbegabter Mädchen. Selbstverständlich gehörten dazu auch die Aufklärung von Lehrpersonal und Eltern sowie die Bewusstmachung in der Öffentlichkeit.  

Mädchen brauchen unbedingt eine Spiegelung ihrer Intelligenz durch positive Verstärkung, gezielte Ermutigung und konstruktives Feedback insbesondere von den Müttern und Frauen, Lehrerinnen, Mentorinnen, Kolleginnen und Therapeutinnen. Denn leider sind es oft genug immer noch Frauen, die mit Neid und Konkurrenzdenken patriarchalische Strukturen erhalten und Frauen ausbremsen. Dieses Umdenken zu initiieren, ist die Aufgabe von uns allen, die mit Mädchen und jungen Frauen zu tun haben!

Hochbegabte Mädchen tragen zu Lösungsfindungen bei

Ich freue mich auf junge Powerfrauen, wie Gioia hoffentlich eine werden wird. Sie können uns die wegweisenden Schritte zu den Antworten auf die Fragestellungen der Zukunft aufzeigen. Das Potenzial der jungen Generation ist eine unschätzbare Ressource, auf die wir angewiesen sind. Und wir können es uns schlicht nicht leisten, die weiblichen 50% dieses kreativen Pools durch ignorante und veraltete Sichtweisen brach liegen zu lassen.

Schlagwörter: hochbegabt · Mädchen · Potenzial 

3 Gedanken zu „Hochbegabte Mädchen

  1. Von: Natalia

    Liebe Dina, vielen Dank für deinen Einsatz und deine Blogartikeln!

    Antworten
    1. Von: Dina Mazzotti

      Danke senr Natalia!

      Antworten
  2. Pingback: 6 Gründe Mädchen zu fördern - begabt & glücklich

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