Wie ich wurde, was ich bin: Mein Weg zur Begabtenexpertin

Wenn der liebe Gott Landkarten verteilt hätte, auf denen unsere Wege vorgezeichnet sind, dann wäre dies bei mir –zumindest bis heute – eine ziemlich geradlinige Sache. Ein paar Up’s and Down’s – aber ansonsten doch recht linear. Trotzdem finde ich die Idee von Judith Peters, unsere Meilensteine– auch jene der besonderen Art– zusammenzutragen, spannend. Ich hoffe, das empfindest auch du, liebe Leserin, lieber Leser so!

  1. August 1973: Einschulung in einem kleinen Quartierschulhaus. Nachdem ich auf meinen eigenen Wunsch ein Jahr länger im Kindergarten verbracht hatte, als eigentlich vorgesehen war (weil ich die Kindergärtnerin so liebte), wurde ich in unserem Quartierschulhaus eingeschult. Weder war ich gespannt, was da kommen würde, noch schien es mir erstrebenswert lesen zu können. Dass sich das schnell ändern würde, hätte wohl niemand geglaubt.
1. Schultag im Biregg Schulhaus Horw LU
  1. August 1976: Verantwortung für die Schulhausbibliothek. Was sich schon in den ersten zwei Jahren abgezeichnet hatte, wurde Realität: Ich war eine Leseratte. Dies erkannte auch meine neue Lehrerin, welche die Schulhausbibliothek leitete. Ihr zur Entlastung, mir zu Freude, übertrug sie mir viel Verantwortung in der Bibliothek. Ich „durfte“ an den freien Nachmittagen bei der Ausleihe mithelfen, sie fragte mich um meine Meinung bei Neuanschaffungen und ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass es wohl kein Buch im Bestand gab, das ich nicht gelesen hatte.
    
  2. August 1978: Viel Freiraum im Unterricht. Trotz eines erneuten Klassenwechsels durfte ich meinen Bibliotheksjob beibehalten. Aber weil mir trotzdem immer noch viele Freiräume blieben (zum Glück hatten wir einen Lehrer, der uns nicht Dinge üben liess, die wir schon beherrschten), liess er mich eigene Projekte initiieren. Ich schrieb Geschichten und Kabarettstücke und übte diese mit Kollegen. Wir erfanden neue Lieder, texteten bestehende um. Es war eine grandiose, kreative Zeit! Diese Stärkenorientierung habe ich mir dick hinter die Ohren geschrieben.
Dina liest
Lesen – heute noch ein grosses Hobby
  1. Frühling 1982: Erste Potenzial-Evaluation – meine eigene Nach der Oberstufe entschied ich mich für den Wechsel ans Lehrerseminar. Damals war es üblich, dass man sich einem IQ-Test unterziehen musste, auch wenn das nicht so genannt wurde. Drei Mal (!) musste ich unter fadenscheinigen Gründen antanzen, weil der Testerin das hohe Ergebnis suspekt war. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte: Ein Arbeiterkind (und dann noch ein Mädchen!) mit Migrationshintergrund testete weit höher als der Rest der anderen Kandidaten! Erst im Nachhinein wurde mir diese Ungeheuerlichkeit bewusst. Und sie prägt mich bis heute!

  2. September 1983: Verhauene Geschichtsprüfung. Ich war es mir nicht gewohnt, dass man Details bis zum Abwinken büffeln muss. Es machte und macht in meinen Augen keinen Sinn, weil die grossen Zusammenhänge so viel wichtiger sind. Aber der Geschichtslehrer wollte sogar die Farbe des Rocks von Kolumbus auf einer bestimmten Abbildung wissen – wie bescheuert ist das denn! Das süffisante Lächeln, mit der Bemerkung, dass ich vielleicht mit meinem Namen doch besser einfach nur eine einfache Lehre machen würde, vergesse ich nie! Ich schwor mir Rache und habe für die nächste Prüfung jedes Kaff von Marco Polos Reiseroute auswendig gelernt. Das Ergebnis war dann zwei Noten besser und das Lächeln des Lehrers zu einer gönnerhaften Miene mutiert. Aber bereits damals habe ich mir geschworen, Wissen nie auf so perfide Art abzufragen.

  3. Juni 1987: Diplomierte Primarlehrerin
    Obwohl ich für diese Ausbildung kaum einen Finger krumm gemacht hatte, erreichte ich mein Diplom mit ausgezeichneten Note. Ausser in Mathe. Aber ich war längstens über einem «Genügend». Die Zeit, die ich für eine bessere Note hätte investieren müssen, war sie mir definitiv nicht wert! Was ich dabei gelernt habe: Follow your strenghts (Folge deinen Stärken), das macht definitiv glücklicher, als an Schwächen herumzuschrauben. Eine Maxime, der ich heute noch folge – bei mir und meinen Schützlingen!

  4. Dezember 1995: Ausschreibung ECHA-Ausbildung
    Diese Ausschreibung des European Council for High Ability sprang mich beim Blättern durch die Zeitschrift «Bildung Schweiz» an. Ich hatte schon den Anmeldetalon ausgedruckt, als ich feststellte, dass ich schwanger war und die Abschlussprüfungen genau mit dem errechneten Geburtstermin kollidierten. Tja, da wurden die Karten neu gemischt.
  1. September 1996: Zum ersten Mal Mutter
    Nach einer problemlosen Schwangerschaft und einer unendlich langen Geburt brachte ich unseren ersten Sohn zu Welt. Ein High Need Baby, würde man heute sagen. Mehr als eine Stunde Schlaf am Stück habe ich in seinem ersten Lebensjahr nicht gekriegt. Tragetücher waren meine beste Investition. Das Kind schien keine Filter zu haben und alles in sich aufzusaugen. Nie war er müde. Erste Anzeichen einer Hochbegabung? Wer weiss das schon so genau?
Unser Erstgeborener: Jeremias
  1. März 1999: Zweites Kind ist da
    Wieder eine problemlose Schwangerschaft und eine lange Geburt. Aber Sohn Nr. 2 war definitiv anders – ein Bilderbuchbaby, das so viel schlief, dass ich mir schon Sorgen machte. Mein Learning: Kinder sind verschieden – auch wenn sie äusserlich die gleichen Bedingungen haben.
Geburt von Jonathan
  1. Frühling 2003: Beginn der ECHA-Ausbildung
    Endlich! Die Kinder zum Gröbsten raus und mein Kopf hungrig auf Futter! Die Ausbildung, die eigentlich von der Universität Nijmengen eingekauft worden, aber an der Akademie für Erwachsenenbildung (AEB) durchgeführt worden ist, hat mir so viele Aha-Erlebnisse beschert. Die Studiengangsleiterin Joëlle Huser hat mit dem Thema Hochbegabung Pionierarbeit geleistet und wir stehen heute noch in Kontakt. Ich verdanke ihr und dem ganzen Ausbildungsgang sehr viel!

  2. August 2004: Konzeptarbeit an der Schule Rothenburg
    Win-Win. Die Schule brauchte ein Konzept, wie die Begabungs- und Begabtenförderung umgesetzt werden sollte und ich ein Umsetzungsprojekt für meinen ECHA-Abschluss. Es war für mich eine neue Erfahrung, ein grösseres Gremium in einem Prozess zu einem terminierten Ziel zu führen. Ein Spaziergang war es nicht. Aber ich habe viel gelernt, was ich nachher auch an anderen Schulen umsetzen durfte. So habe ich doch einige Schulen in der Konzeptbearbeitung begleitet. Unseres steht hier zum Download bereit.

  3. Ab 2005: Regelmässige Kurstätigkeit
    Meine Mentorin Elisabeth Müller, die ich auch über Fortbildungen kennengelernt hatte, ermutigte mich sehr, erste Schritte in selbstständiger Kurstätigkeit zu gehen. Ihr habe auch zu verdanken, dass ich in der Denkgruppe des Symposiums für Begabung Einsitz nehmen konnte. Die selbstständige Kursarbeit ist ein bisschen in den Hintergrund geraten, weil es teilweise sehr undankbar ist, mit Lehrpersonen, die zu einem Kurs verknurrt worden sind, zu arbeiten. Sind es aber interessierte Personen, macht mir das Ganze immer noch sehr viel Freude.

  4. September 2009: Start der MAS-Ausbildung an der FHNW
    Was ich schon lange geplant hatte, konnte nun endlich Realität werden. Einmalig wurde ein Master-Studiengang für ECHA-Absolventen an der Fachhochschule Nordwestschweiz angeboten. Diese Chance auf mehr Wissen und bessere Vernetzung wollte ich mir nicht entgehen lassen. Der unterdessen leider viel zu früh verstorbene Studiengangsleiter Victor Müller-Oppliger war eine Koryphäe auf dem Gebiet der intergrativen Begabtenförderung und verpflichtete hoch dotierte Dozenten wie Joe Renzulli und Albert Ziegler.

Frisch diplomierte Begabtenexpertinnen!

  1. Oktober 2009: Wir kriegen einen Welpen!
    Genauer gesagt, nicht irgendeinen Welpen. Unsere Aura. Ein Schlitzohr erster Güte, die mich mit ihrem Sturkopf manchmal bis an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Die mir den Spiegel unbarmherziger vorgehalten hat, als das meine Söhne je taten. Die aber auch meine grössten Lernchancen generierte und die vor allem auch in meinen dunkelsten Stunden immer da war, um mir ein Lächeln abzuringen. Seit sie uns im Mai 2022 völlig überraschend verlassen musste, ist das Leben nicht mehr dasselbe. Sie war eine Brückenbauerin erster Güte in meiner Praxis und in der Schule. Ich werde sie immer vermissen!
Welchen Aura
Welpchen Aura
  1. September 2010: Mitarbeit am CAS iBBF
    Als die PH Luzern den neuen Studiengang für integrative Begabungs- und Begabtenförderung (CAS iBBF) ins Leben rief, kam die Anfrage, ob meine Kollegin im MAS Marianne Ettlin und ich Lust hätten, das Kreativitätsmodul zu übernehmen. Und ob wir das hatten 😉 . Auch heute noch arbeiten wir da zusammen. Gut eingespielt wie ein altes Ehepaar. Beide um die Stärken der anderen wissend. So macht es Spass! Kommt dazu, dass die Ideen und Ansichten der Studierenden immer wieder herausfordernden und inspirierend sind.

  2. Juni 2015: geprüfte Diagnostikerin
    Manchmal ist es unhaltbar, dass Schulpsychologische Dienste und die Kinder- und Jugendpsychiatrie Wartefristen von einem halben Jahr und mehr haben, um diagnostische Abklärungen zu starten. Da will ich Hand bieten können. Obwohl ich klar der Meinung bin, dass psychometrische Diagnostik nicht alles ist und eine pädagogische Diagnostik extrem aussagekräftig sein kann, bin ich froh, dass ich offiziell dazu berechtigt bin, umfassende Potenzialevaluationen z. B. mit dem WISC-V durchzuführen.

  3. September 2015: Aufnahme meiner freiberuflichen Tätigkeit
    Mit dem Abschluss des Diagnostikdiploms eröffneten sich neue Möglichkeiten neben der Tätigkeit in der Schule. Allerdings köchelte ich das Süppchen nur lauwarm. Es machte zwar Spass, mit Kindern, Eltern und Schulen nach optimalen Lösungen für sehr begabte Kinder zu suchen, aber irgendwie scheute ich den grossen Schritt an die Öffentlichkeit.

  4. Oktober 2020: Offizielle Gründung von „begabt & glücklich“
    Nachdem Corona Lockdown und den Schliessungen ging hier die Post ab: Das Telefon klingelte Sturm. Viele hochbegabte Kinder waren in der schulfreien Zeit höchst zufrieden. Sie arbeiteten in Windeseile ihre Aufgaben ab und genossen die verbleibenden Stunden mit ihren eigenen Projekten. Die Umstellung in den geregelten Unterricht war für sie brutal – was sich bei einigen mit psychosomatischen Schmerzen, Aggression und Wutausbrüchen bis zur Schulverweigerung äusserte. Meine Idee, in unseren vierwöchigen Schwedenferien ein Buch zu schreiben, ging den Bach runter. Ich forcierte „begabt & glücklich„. Offiziell wurde dieses «Baby» am 2.10. geboren, auf den Tag 11 Jahre nachdem Aura zu uns gekommen war.

  5. Januar 2022: Beginn der Ausbildung zum Visualisierungscoach mindtv
    Wie die Jungfrau zum Kind bin ich zu diesem Lehrgang gekommen. Wie das heute so geht, übers Internet. Spannend, was mit inneren Bildern und Körperintelligenz alles zu erreichen ist! Ich hoffe, damit meine jungen Klienten, aber allenfalls auch ihre Geschwister und Eltern damit noch besser unterstützen zu können!
Visualisiere dein Leben!
  1. Heute, 29. Mai 2022: Die Richtung stimmt!
    Noch immer fühle ich mich ein bisschen verloren durch den plötzlichen Abschied meiner vierpfotigen Seelengefährtin Aura 🙁 .
    Heute in einer Woche werden wir in Lönsboda, diesem kleinen Weiler in Südschweden angekommen sein und unsere vierwöchige Auszeit beginnen. Seele baumeln lassen und hineinfühlen, was die nächsten Schritte sein werden… Ideen sind vorhanden, mal schauen, was kommt. Das Leben ist fragil und spannend gleichzeitig. Ich habe im Himmel und auf Erden treue Begleiter, das stimmt mich hoffnungsvoll und zuversichtlich!

Schlagwörter: Begabtenxpertin · CV · Lebenslauf · mein Weg 

2 Gedanken zu „Wie ich wurde, was ich bin: Mein Weg zur Begabtenexpertin

  1. Von: Susanne

    Das war spannend und hat mich sehr gefreut, deinen Weg mit seinen Stationen zu lesen! … Auch ich bin eine leidenschaftliche Leserin und durfte mal die Schulbibliothek betreuen … und (fast) alle Bücher im Bestand lesen 😉

    Antworten
    1. Von: Dina Mazzotti

      Danke sehr Susanne! Faszinieren dich die Bücher heute auch noch so stark?

      Antworten

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