Mit begabten Kindern über den Krieg sprechen

Letzte Woche in meinem Förderangebot für 2. Klässlern fielen mir mehrere Kinder auf, die speziell unruhig, ja fast aggressiv waren. Zwei reagierten ziemlich dünnhäutig und eines zog sich in Gruppenraum zurück. Wie bei Corona sind es auch in der ausserordentlichen Situation eines innereuropäischen Krieges die besonders begabten Kinder, die sich noch mehr Gedanken und andere Sorgen machen als ihre gleichaltrigen Kameraden. Deshalb sollten wir unbedingt Wege finden, mit Kindern über den Krieg zu sprechen. Denn es ist absolut grundlegend, dass wir die Sorgen der Kinder ernst nehmen und hinschauen!

Natürlich sind es nicht nur die Kinder, die leiden! Auch die Jugendlichen, von denen in der Pandemie schon viel gefordert wurde, sind verunsichert und sehen ihre Zukunft in Gefahr. Wir Erwachsene dürfen uns in dieser Situation nicht hinter unseren Handys verschanzen, sondern sind gefordert, Präsenz und Empathie zu zeigen!

Familie auf dem Sofa
Einander im Gespräch nahe sein, hilft Herausforderungen zu bestehen


Wie das gehen kann, versuche ich dir hier zu zeigen

Kinder und Jugendliche reagieren unterschiedlich auf die Kriegssituation

Aggression

Es braucht oft nicht mehr viel, bis aus einem lustigen Spiel bitterer Ernst wird. Wut und Ablehnung sowie schnelles Ausrasten sind bei verunsicherten Kindern oft Hilfeschreie. Es ist unabdingbar, dass wir Erwachsenen gut hinschauen und versuchen, mit dem Kind zusammen herauszufinden, was genau der Grund für den Aussetzer war.

Rückzug – lasst die Kinder nicht alleine!

Die Resignation und Hoffnungslosigkeit kann auch Formen annehmen, in denen sich Kinder völlig aufgeben. So vieles, was ihnen schon zu Corona-Zeiten unmöglich war, wie unbeschwerte Geburtstagsfeiern oder Abschlussbälle, droht nun endgültig unterzugehen.
Diese Ohnmacht ist gerade für Kinder und Jugendliche grauenvoll und schlecht auszuhalten.

Einige Kinder und Jugendliche verkriechen sich in eine stille Ecke, grübeln nach und beteuern, dass es ihnen gut gehe. Lass dich nicht abweisen! Sprich mit deinem Kind und suche den Dialog. Du kannst nur unterstützen, in dem du präsent bleibst!

Was du tun kannst – als Lehrperson, Elternteil oder Bezugsperson

Halt geben und Informationen begrenzen

Seien wir ehrlich, auch wir starren meist wie gebannt auf die Schreckensszenarien, die uns aktuell medial aus der Ukraine oder anderen Krisengebieten erreichen. Viele Kinder rennen weg, wenn solche Bilder über den Bildschirm flimmern. Leider haben nicht alle diesen Schutzmechanismus. Wir Erwachsenen sind da in der Verantwortung, dass Kinderseelen nicht zu viel Schaden nehmen und eben nicht mit visuellen Reizen konfrontiert werden, die eigentlich noch nichts für sie sind. Das heisst auch, dass wir unseren Informationshunger über online Nachrichtenmagazine stillen oder allenfalls über Radiomeldungen. Dabei haben wir die Möglichkeit uns innere Bilder zu machen und nicht welche aufgedrückt zu bekommen. Generell schadet es niemandem, die Informationsflut einzudämmen und nur punktuell zu konsumieren.

Mit den Kindern über die Angst sprechen

Im Gespräch zu bleiben, ist immer wichtig. Erst recht in Krisensituationen! Ausnahmesituationen werden sich nicht lösen, wenn sie totgeschwiegen werden. Hilf den dir anvertrauten Kindern, Worte zu finden, damit das Unbegreifliche einen Teil des Schreckens verliert. Nachstehend versuche ich dir exemplarisch zu zeigen, wie dies gehen könnte.

Klein- und Vorschulkinder
Schon sehr junge Kinder bekommen Nachrichten oder Äusserungen zum Kriegsgeschehen mit. Auch wenn sie es nicht richtig einordnen können, spüren sie die veränderte Schwingung und die Ängste in ihrem Umfeld. Es ist sehr individuell, ob man ein Kind darauf ansprechen soll. Stellt man, wie oben erwähnt, ein verändertes Verhalten fest oder fragt das Kind selber nach, sollte man selbstverständlich Antwort geben.
Hilfreiche Sätze, um mit Kindern über den Krieg zu sprechen, könnten etwa so klingen: „Menschen aus einem Land wollen den Menschen aus einem anderen Land etwas wegnehmen, das ihnen gehört. So kommt es zu grossem Streit und sie kämpfen. Mich macht das traurig, weil es wichtig ist, dass wir Frieden in der Welt haben.
So kann das Kind gleichzeitig auch unsere eigene Befindlichkeit besser einordnen.

Primarschulkinder
Mit dem Schuleintritt entwickeln Kinder zunehmend mehr Urteilsvermögen und moralisches Denken. Allerdings ist dies individuell unterschiedlich ausgeprägt und ich empfehle, das Thema Krieg auch in der 2. oder 3. Klasse nur aktiv anzusprechen, wenn spürbar ist, dass das Bedürfnis danach besteht. Viele hochbegabte Kinder sind zwar kognitiv in der Lage, zu erahnen, was da in Osteuropa abgeht, aber gleichzeitig macht es ihnen ihre Hochsensibilität sehr schwierig, darüber zu reden.

Mit älteren Primarschulkindern kann man durchaus auch Kindernachrichten (siehe auch Linkliste am Schluss) schauen, die aber kritisch reflektiert werden sollten.

Eine mögliche Erklärung zum Kriegsgeschehen könnte bei Primarschüler:innen wie folgt klingen:
“Im Krieg kämpfen Menschen miteinander. Das ist wie ein grosser Streit, weil beide das Gleiche wollen. In diesem Krieg greift Russland die Ukraine an. Die Menschen aus der Ukraine kämpfen aber nur, weil sie sich beschützen müssen. Sie verteidigen sich, ihren Besitz und ihr Land. Um sicher zu sein, fliehen viele Menschen. Sie lassen dabei fast alles zurück, was ihnen gehört und ihnen wichtig ist. Einige dieser Menschen kommen auch in unser Land und wir können ihnen Schutz und ein vorläufiges Daheim anbieten. Wir Menschen aus anderen Ländern können helfen, damit die unschuldigen Menschen sicher sind.“

Gerade Primarschüler:innen kann es helfen, sich über das Thema auszutauschen und zu spüren, dass sie mit ihren Gedanken und Gefühlen ernst genommen zu werden.

Jüngere Kinder haben oft eine blühende Fantasie. Manchen hilft es auch, Ängsten durch Rituale zu im Zaun zu halten. Darum klappt es in aller Regel wunderbar, konkrete, aber auch imaginäre Gegenstände mit Liebe und Schutz aufzuladen, um Kindern zu beruhigen.

Teenager
Auch Teenager sind immer noch Kinder – egal, wie tough sie sich geben. Es ist wichtig, diesem Fakt Rechnung zu tragen. Gerade wenn Kinder sprachlich sehr weit sind und uns mit Argumenten unter den Tisch palavern können, werden sie von Erwachsenen in ihrer emotionalen Entwicklung oft überschätzt.
Darum ist es wichtig, dass du mit deinem Teenager über die aktuelle Situation sprichst, um seine Gedanken und Gefühle zu spüren. Versuche bei dieser Gelegenheit auch, dein Kind trotz seines Alters noch davor zu schützen, auf TikTok oder Instagram brutale Kriegsszenen anzuschauen. Wir wissen, dass Verbote nicht zielführend sind, sondern eher liebevolle Begleitung angezeigt ist. So könntest du deinen Teenager evtl. fragen, wie er sich nach dem grauenhaften Kriegsvideo denn gefühlt hat.
Zudem kannst du ihn unterstützen, in dem du erzählst, wie du selber versuchst, mit der Situation umzugehen.

Mit älteren Kindern über den Krieg sprechen, könnte dann wie folgt klingen:
Weisst du, wenn ich mich zu viel mit den Nachrichten beschäftige und zu viele Kriegsreportagen schaue, werde ich extrem traurig. Ich habe dann viel grössere Angst, als wenn ich weniger schaue. Deshalb höre ich auch nur einmal am Tag die Nachrichten. Würde es dir helfen, ebenfalls gut auf dich aufzupassen? Vielleicht geht es dir besser, wenn wir alle abends das Handy ausschalten oder wenn wir gemeinsam die Nachrichten schauen und dann darüber sprechen?“

Normalität schafft Sicherheit

Alles, was sich nach Alltag anfühlt, sollte jetzt kultiviert werden. Sei es das gemeinsame Essen, zusammen Wäsche falten oder ein Spiel ausprobieren, Besuche bei den Grosseltern oder Spaziergänge im Wald … einfache Dinge, die man sonst auch tut, können helfen, Sicherheit zu geben.

Vater und Kind falten Wäsche
Routinearbeiten geben Sicherheit

Wir Erwachsene sollten versuchen, in der Ruhe zu bleiben. Nur so kann sich auch Beruhigung bei den Kindern einstellen.
Achte also auf dich und deine Gewohnheiten. Mir z. B. hilft es sehr, dass ich mir in dieser Zeit wieder regelmässig Zeit für Meditation nehme. Auch wenn dabei anderes zurückstecken muss.

Gemeinsame Zeit – Nähe hilft

Kinder müssen die Gelegenheit bekommen, Gefühle und Verhaltensweisen von Erwachsenen zu verstehen. Es scheint mir wichtig, dass sie im Schutz des Familienkreises erleben, dass alle Gefühle erlaubt sind. Vermögen Eltern, ihre Sorgen und Ängste in einem gesunden Mass zu leben und leben damit vor, dass man Gefühle regulieren kann, lernen auch Kinder einen adäquaten Umgang mit der Angst und Unsicherheit kennen. Kinder brauchen Worte für das Unfassbare, hier können wir ihnen Vorbilder sein. Notfalls auch mit der Aussage, dass wir angesichts des Schreckens auch nicht wissen, was wir sagen sollen.

Vielen Kindern helfen in schlimmen Momenten Kuschel- und Schutzrituale. Aus dem Osten kennen wir Mantras, Sätze, die immer wieder wiederholt werden. Das wiederholte Aufsagen von Schutzformeln wie: „Ich bin beschützt! Ich bin sicher! Ich bin geliebt!“ kann zu sehr viel Ruhe und Zuversicht verhelfen.

Ins Tun kommen

Vielen Menschen hilft es, aktiv zu werden. Manche spenden oder machen Sammelaktionen von Kleidern und Hilfsgütern. Andere wiederum nähen Kuscheldecken für Flüchtlingskinder.

Familien zünden Kerzen an und denken an die Menschen im Krieg, andere gehen an Friedensdemos.
Eine Kollegin hat mit ihren Schüler:innen Friedenstauben aus Partytellern gebastelt. Eine mögliche Anleitung gibts hier.
Egal was – macht einfach etwas, was euch das Gefühl der Ohnmacht nimmt.

Trotz all der schlimmen Nachrichten ist die Selbstfürsorge eine wichtige Komponente. Sich mit Menschen, die einem guttun, umgeben. Dinge, die Spass machen tun, nicht vernachlässigen. Diese Aspekte des Lebens sollten wir nicht vernachlässigen, sie tragen dazu bei, dass wir möglichst gesund aus dieser Krise kommen.

Bonus für Lehrerpersonen und andere Interessierte

Meine Kollegin Mirjam Egloff, PH Zürich, hat eine umfassende Linkliste, die auch ständig aktualisiert wird, mit hilfreichen Tipps und Materialien zusammengestellt. Sich hier reinzulesen, lohnt sich definitiv!

Unterrichtstools Ukraine, mit Kindern über den Krieg sprechen
Tipps von Mirjam Egloff

Schlagwörter: hochbegabte Kinder · Krieg · reden · Sprache · Worte 

Ein Gedanke zu „Mit begabten Kindern über den Krieg sprechen

  1. Pingback: Friedliche Sprache in der Pädagogik - Heike Brandl

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