Musizieren als Fördermassnahme für begabte Kinder

Eher zufällig bin ich vor vielen Jahren auf die grosse Chance von Musizieren als Fördermassnahme für begabte Kinder gestossen.

Manchmal sind Schulsituationen so unsäglich vertrackt, dass es schwierig ist, Kinder adäquat auszulasten. Vor allem bei jungen Kindern, die punkto Selbständigkeit noch nicht ganz so weit sind, dass sie weitgehend allein an selbst initiierten Projekten arbeiten können, ist guter Rat manchmal teuer. Zwar zeigen gute Intelligenztests in ihren Profilen die Stärken und Schwächen der Kinder auf. Aber so ganz vollständig sind sie halt doch nicht. Wir erkennen darin weder Sportlichkeit noch koordinative Fähigkeiten oder Musikalität.

Die Krux im Zyklus 1

Nicht jedes hochbegabte Kind, das in die Schule kommt, kann schon rechnen, lesen oder schreiben. Oft werden sie gerade deswegen auch nicht so schnell identifiziert. Kaum in einem stimulierenden Umfeld angelangt, geben aber viele dieser klugen Köpfe mächtig Gas und bringen ihre Lehrpersonen mit ihrem Verhalten dann an den Rand der Verzweiflung. Sei es, in dem sie zum Klassen-Clown mutieren oder in die Aggression oder Verweigerung gehen – die Zeichen dafür sind vielfältig. Wichtig ist aber, dass die Lehrperson darauf sensibilisiert ist. Ein wachsames Auge gilt es auch auf die angepassten, braven Mädchen (ja, manchmal auch Jungs!) zu halten, die um keinen Preis auffallen wollen. Oft machen diese sogar extra Fehler, damit ihre hohen Fähigkeiten nicht zu sehr hervortreten. Was für eine Verschwendung von Potenzial!

Natürlich ist es eine niederschwellige Möglichkeit, diese Kinder mit Büchern ihrer Wahl zu füttern. Lesen geht immer. Wenn sich aber im Gespräch herausstellt, dass ein Kind Interesse an Musik hat und gerne ein Instrument lernen möchte, dann sollte diese Anreicherung des Unterrichts absolut im Vordergrund stehen.

Macht Musik schlau?

«Musik macht schlau» ist eine jener Pressemeldungen, die den Eindruck vermittelt, dass Musikhören und Musizieren Lernen auf magische Weise erleichtern würden. So einfach ist es natürlich nicht. In seinem Buch „“Macht Musik schlau?“ schreibt der Zürcher Psychologieprofessor Lutz Jäncke, der wohl zu den bedeutendsten Hirnforschern im deutschsprachigen Raum überhaupt zählt, unter anderem auch über das Thema „Musik und Gehirn“. Er setz dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Plastizität des Gehirns im Zusammenhang mit Musizieren und dem unvermeidlichen Üben. Unbestritten ist, dass Musik in vielen Bereichen des Lebens einen Vorteil bringen kann.

Kinder im Orchester
Musizieren im Orchester tut nicht nur hochbegabten Kindern gut

Vorteile von Musikunterricht

Musizieren fördert Ausdauer und Durchhaltevermögen

Bis zur Meisterschaft ist es ein weiter Weg. Mit über 10’ 000 Übungsstunden ist auf dem Weg zur Exzellenz zu rechen. Aber nur schon bis die Kinder das ausgewählte Instrument einigermassen beherrschen und erste kleinen Vortragsübungen geben können, vergeht in der Regel einige Zeit.
Das Dranbleiben beim Üben ist eine harte Nuss. Aber wenn Eltern und die Musiklehrer kontinuierlich motivieren und unterstützen, bleiben sie meist bei der Sache und blicken bald auf die vergangene Zeit zurück. Die Anfänge sind geschafft, durchhalten lohnt sich! Das gibt ihnen ein echtes Glücksgefühl. Und gerade für begabte Kinder, die sich oft nicht gewohnt sind, sich in eine Sache richtig reinzuknien, ist diese Erfahrung ganz wesentlich. Wie auch der Sport bietet die Musik ein Feld, in dem begabte Kinder, immer weiter üben können, keine Deckeneffekte erfahren und unmittelbare Rückmeldungen bekommen, dass sich der Einsatz lohnt!

Musizieren unterstützt die Selbstreflexion

Menschen, die sich mit einem Instrument, welches auch immer das sein mag, auseinandersetzen, setzen sich automatisch auch mit sich selbst auseinander. Ein Instrument zu spielen, setzt feinste Körperbeherrschung voraus, die nur im reflektierenden Zusammenspiel der Sinne funktioniert. Spielt man im Orchester oder Ensemble, findet diese Auseinandersetzung auch mit anderen Menschen statt. Manchmal sind hochbegabte Kinder durch Perfektionismusstreben ein bisschen verkrampft. Beim Musizieren kann die Erfahrung, dass es eine gewisse Lockerheit zum Erfolg braucht, sehr hilfreich – auch in anderen Bereichen – sein.
Die Fähigkeit zur Selbstreflexion ist eine Kompetenz, die so vielen Menschen abgeht und wenn ein Kind diese in jungen Jahren erlernen darf, ist das ein Gewinn für alle, die mit ihm zu tun haben und natürlich für es selbst.

Musizieren boostert das Selbstvertrauen

Auf dem Weg zum Musikus werden die Kinder kleinere und bisweilen auch mal grössere Stolpersteine überwinden müssen. Jeder Lernfortschritt bedeutet auch, dass sie fähig waren, Hürden aus dem Weg zu räumen. Sie nehmen die Stolpersteine von den Notenlinien und bauen sich damit etwas Schönes. Vielleicht auch einen Turm, von dem aus sie neue Ziele avisieren können? Ziele, die nicht alle im Fokus haben. Das stärkt das Selbstvertrauen und verleiht auch in anderen Situationen mentale Power.

Musizieren kann Intelligenz und Sprachvermögen fördern

Bereits vor vielen Jahren haben Hirnforscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig sich der Frage gewidmet, welchen Einfluss musikalisches Training auf die Sprach- und Musikverarbeitung bei Kindern hat. Sebastian Jentschke und Stefan Koelsch kommen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass Musik und Sprache in teilweise identischen Hirnregionen verarbeitet werden. Das bedeutet, dass musikalisch geförderte Kinder werden auch in ihrem Sprachvermögen gefördert werden – et vice versa.

Höhere Selbstkompetenz durch gemeinsames Musizieren

Wer in einer Kapelle, einem Ensemble oder Orchester spielt, muss Rücksicht nehmen und auf die anderen hören. Egoismus ist hier fehl am Platz. Im Gegenteil: Zwar hat jeder für das grosse Ganze seine ureigene Aufgabe. Gleichzeitig aber helfen und unterstützen sich alle gegenseitig. Dieser individuelle Lernprozess, sich mit seinen Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zustellen und so die soziale Kompetenz zu fördern, wünschte ich mir nicht nur für musizierende Kinder, sondern für alle Menschen dieser Welt!

Musizieren erhöht kognitive Fähigkeiten und Konzentration

Bewegung und Koordination, Fühlen und Tasten, Hören und Sehen sind beim Musikmachen sehr intensiv miteinander verbunden. Nahezu automatisch werden die kognitiven Fähigkeiten gesteigert und damit auch die geistige Beweglichkeit. Laut einer Studie der Neurowissenschaftlerin Dr. Ines Jentsch von der Universität St. Andrews, UK, führt „höhere musikalische Ausbildung durch höhere Geschwindigkeit beim Lösen von Aufgaben ohne Kompromiss in der Genauigkeit zu effizienterer Informationsverarbeitung und damit erhöhter Konzentrationsfähigkeit“. Dies hängt mit der Plastizität des Gehirns zusammen, die ja auch Lutz Jäncke beschreibt.

Kreativitätsförderung pur

Musizieren öffnet Tore zu vollkommen neue Welten. Das Ausprobieren, Experimentieren, dem Instrument unbekannte Töne entlocken… Das alles hilft Kindern und Erwachsenen gleichermassen, sich auszudrücken, Dingen, die nicht gesagt werden können, nach aussen zu bringen. Möglicherweise improvisieren sie oder spielen bekannte Lieder auf ihre eigene Art. Menschen, die jung ein Instrument lernen durften, habe ein Tool in der Hand, das ihnen immer helfen kann, ihr Inneres hörbar zu machen, wenn Worte fehlen.

Eine Beziehung aufbauen

Gerade introvertierte Kinder, die vielleicht Mühe haben, zu anderen Menschen Freundschaften aufzubauen, oder eben in ihrer reichen Gefühlswelt gefangen sind, finden oft im ersten Instrument einen besten Freund, der ihnen in allen Lebenslagen treu zur Seite steht. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, um welches Instrument es sich handelt. Oft bauen Kinder zu ihrem Lieblingsinstrument eine ganz besondere Beziehung auf. Ich z. B. bin immer noch im Besitz meiner allerersten Blockflöte…

Gleichgesinnte finden

Es ist ein Unterschied, ob ich ein Instrument spiele oder eine Maschine bediene. Das wunderbare Lebensgefühl, das beim Musizieren entsteht, mit vielen freundlichen Menschen zu teilen, ist einmalig. Das Lied „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder“ trifft es gut. Ich kenne schlicht keine «bösen» Musiker.
Zudem ist jede:r Musiker:in denselben Weg gegangen, den Anfänger einschlagen. Alle haben sie gleiche oder sehr ähnliche Erfahrungen vom ersten Ton bis zum Spielen komplexer Musikstücke gemacht. In der aussergewöhnlichen Community mit grossem Zusammengehörigkeitsgefühl finden sich übrigens auch sehr viele überdurchschnittliche Menschen, sodass die Chance, dass man auch ausserhalb der Notenlinien Gesprächsstoff findet, relativ gross ist.

Was immer geht – ein Versuch eines Fazits

Auch wenn ich nicht bei jedem der oben erwähnten Punkte explizit auf hochbegabte Kindern hingewiesen habe, so zeigt die Erfahrung, dass gerade auch für diese Kinder die Musik ein wunderbares Tummelfeld ist. Eines, das gegen oben offen ist und dessen oberste Grenze quasi nie zu erreichen ist. Immer wieder kann man sich neuen Herausforderungen stellen. Viele Kantone bieten unterdessen auch Talentgruppen für besonders begabte junge Musikschüler:innen an. Der Unterricht dort kann auch während der regulären Schulzeit besucht werden.

Musik als Ventil, als Lernfeld und als tröstlicher Begleiter ist selbstverständlich allen Kindern zu gönnen. Aber in meiner Begleitung von vielen Kindern, denen wir als «Entlastung» vom herkömmlichen Regelklassenunterricht Musikstunden anbieten konnten, war immer wieder zu sehen, wie viel Seelennahrung dieses Eintauchen in Klänge und Rhythmen bieten kann. Und genährte Seelen brauchen wir in unserer Welt ganz besonders.

Ein Gedanke zu „Musizieren als Fördermassnahme für begabte Kinder

  1. Von: Jeannine Gashi

    Liebi Dina
    Oh, so schön geschrieben!!! Ich habe das Gefühl, dass ich eine meiner Töchter darin erkenne. Werde sie in nächster Zeit auf jeden Fall ermutigen, ihre Ukulele hervorzuholen. Ein sehr ausführlicher Bericht, es wurde mir überhaupt nicht langweilig beim Lesen. Ich habe zwischen den Zeilen, deine Hingabe an dieses Thema gespürt!
    Herzliche Grüessli Jeannine

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