Wie läuft eine Potenzialanalyse mit Kindern ab?

Hin und wieder fragen mich potenzielle Kunden oder Freunde, wie es denn abläuft, wenn Kinder zu mir zu einer Potenzialanalyse, umgangssprachlich auch „Intelligenztest“ oder „Abklärung“ genannt, kommen. Und ob die denn wirklich alle hochbegabt seien?

Ich zeige hier, wie eine Potenzialanalyse ablaufen kann:
Am Anfang des Kontakts steht immer eine Fragestellung, eine Unsicherheit oder eine unhaltbare Situation rund um ein Kind. Manchmal stehen schon Vermutungen über eine potenzielle Hochbegabung im Raum, so dass die Eltern meine Adresse von Lehrpersonen, Kinderärzt:innen bekommen. Oft werde ich mittlerweile auch über meine Website gefunden, was mich natürlich besonders freut!
Eine Potenzialanalyse ohne konkrete Frage, nur so aus Interesse, finde ich unangebracht, weil bei einer Testung für ein Kind immer auch unterschwellig die Frage, „was ist falsch an mir, dass ich getestet werden soll?“ mitschwingen kann. Egal wie emphatisch und pädagogisch korrekt kommuniziert wird.

1. Beratungsgespräch mit den Eltern

Die meisten Eltern nutzen die Gelegenheit für ein kostenfreies Erstgespräch, das meist telefonisch durchgeführt wird. Ich stehe da auch nicht mit der Stoppuhr dabei, um die kostenfreie Zeit genau zu messen. Sollten wir beide aber zufällig gerade die Möglichkeit für ein ausführlicheres Gespräch haben, kann auch gleich ein ausführlicheres Gespräch daraus werden, das ich dann auch verrechne.

Entscheiden sich Eltern dazu, mit mir zusammenzuarbeiten, maile ich Ihnen je nach Fragestellung einen Fragebogen über ihr Kind zu, den ich dann einige Tage vor dem ersten 1:1 Termin zurückbekomme. Wenn es dich interessiert, wie so ein Fragebogen aussieht, dann kannst du dir hier eine Miniversion davon holen.

2. Erster Termin mit dem Kind

Normalerweise kommt ein Kind mit einem Elternteil zu mir. Ich bitte beide in meinen Potenzialraum. Darin befinden sich Bücher, Spiele, ein Tischchen mit zwei Stühlen und einem Sofasessel zum Reinlümmeln, mein Schreibtisch, der gleichzeitig auch „Test-Tisch“ ist. Jedenfalls haben die meisten Kinder viele Wow-Momente und ich Zeit, das Datenblatt mit den Eltern zu besprechen und unterschreiben zu lassen. Normalerweise ist das dann der Zeitpunkt, wo Eltern sich verabschieden. Wenn es nicht gerade ein Montag ist, gebe ich ihnen gerne einen Gutschein für ein Heissgetränk aus dem Café Umbels mit, wo man sich herrlich entspannen kann.

Potenzialraum. Tischchen, Sessel, Karaffe
Fast alles bereit für die nächste Familie

2.1 Warm up

Manchmal bringen Kinder ein Plüschtier oder eine Zeichnung für mich mit – dies sind ideale Gesprächsöffner, die ich sehr schätze.
Oft biete ich den Kindern auch an, ein Spiel zu spielen. Spielverhalten finde ich extrem spannend zu beobachten und gibt mir schon einen ersten Einblick.

2.2 Beginn der Testung

Am allerliebsten arbeite ich mit der Testanlage WISC-V, welche das weltweit am häufigsten eingesetzte Intelligenz-Testverfahren für Kinder und Jugendliche der Altersgruppe von 6;0 bis 16;11 Jahren darstellt. Ich schätze daran vor allem, dass es sehr breit abgestützt ist und aktuelle psychologische Erkenntnisse miteinbezieht. Zudem hat es kaum Deckeneffekte, d.h. dass auch ältere Kinder, die hoch testen, noch Luft nach oben haben.
Je nachdem wie „parat“ das Kind ist, führe ich am während des ersten Termins ca. die Hälfte aller 15 Untertests durch. Es können aber auch gut mal weniger sein.

Drei Bücher zur Potenzialanalyse mit WISC-V
Ein Teil des Materials zur Potenzialabklärung mit dem WISC-V

3. Zweiter Termin mit dem Kind

Beim zweiten Mal kommen die Kinder (und die Eltern) in aller Regel schon sehr viel entspannter zum Termin und können sich schneller voneinander verabschieden. Bei schönem Wetter gehen auch viele Eltern ein wenig in der herrlichen Umgebung spazieren, nutzen die Zeit für Einkäufe oder lösen den Gutschein fürs Café Umbels ein.

3.1 Fortsetzung der Testung

Damit ich sicher mit allen Untertests durchkomme, starte ich nach ein paar Sätzen zur Befindlichkeit relativ zügig mit dem zweiten Teil der Testung.

3.2 Abrundung meines Eindrucks

Meist habe ich nach der Testung noch Zeit für ein „Interview“ aus dem Interessenfragebogen von J. Huser oder S. Weinbrenner. Hier tauchen manchmal noch unentdeckte interessante Aspekte zum Kind auf. Oft gebe ich auch noch etwas zum Knobeln und Rätseln um zu sehen, wie das Kind an Herausforderungen herangeht.

4. Auswertung

Von dieser Zwischenphase bekommen die Eltern nicht allzuviel mit. Diese Zeit ist für mich als Beraterin sehr intensiv und zeitaufwändig. Hier geht es darum, die verschiedenen Puzzleteilchen

  • Elternfragebogen
  • Interview
  • Spielverhalten
  • Testergebnisse der Potenzialanalyse (die ich mit Software auswerte)
  • evt. weitere Testergebnisse (wie SESSKO und SELLMO)

zu sichten und zusammenzutragen. In dieser Zeit verfasse ich auch einen Bericht, mit Handlungsempfehlungen, welcher Lehr- und anderen Bezugspersonen abgeben werden kann.

5. Auswertungsgespräch mit den Eltern

Ca. zwei bis drei Wochen nach der zweiten Testung treffe ich mich mit den Eltern. Hier erzähle ich, was ich während den zwei Begegnungen mit dem Kind erlebt habe und was mir an seinem Arbeitsverhalten aufgefallen ist.
Anschliessend gebe ich den Eltern den Bericht zu lesen und beantworte Fragen, die sich vielleicht daraus ergeben.
Es ist mir wichtig, dass den Eltern klar ist, was ich in Worte gefasst habe. Hochbegabt oder nicht: Es ist mir ebenfalls wichtig, dass sie wissen, dass ihr Kind mehr ist als eine Zahl!


Früher habe ich nicht einmal den IQ-Wert rausgerückt, weil mir die Entwicklungspotenziale einfach viel wichtiger waren. Heute mache ich es, weil Eltern den IQ hin und wieder für irgendwelche Zulassungen an Kurse oder Schulen brauchen. Wie schon oft betont, gilt es zu beachten, dass jede Potenzialanalyse eine gewisse Fehlerquote und ein klar definiertes Vertrauensintervall beinhaltet. Es sind Faktoren wie

  • Tagesform
  • Motivation
  • „Draht“ zur Testleiterin

die das Resultat beeinflussen und eine Analyse auch verfälschen können. Allerdings muss klar betont werden, dass hohe Resultate nie zufällig sind, weil die Tests so konzipiert sind, dass das Glücksprinzip nicht funktioniert.

6. Gespräch mit den Personen aus dem schulischen Umfeld

Oft genug sind es herausfordernde Schulsituationen, welche Familien zu mir führen. Manchmal hilft eine neutrale Aussensicht, die Situation in einem anderen Licht zu sehen. Als erfahrene Lehrperson, Begabungsspezialistin und Mutter kenne ich die Sichtweisen aller Beteiligten. An einem Rundtischgespräch helfe ich gerne mit, für festgefahrene Situationen allenfalls auch unkonventionelle Lösungen zu finden. Allerdings ist dieser letzte Schritt nicht immer nötig und die Eltern trauen sich zu, dass sie das Resultat der Potenzialanalyse selber mit den involvierten Personen besprechen können.

Es ist für mich sehr zufriedenstellend, dass danach das Problem meistens entschärft ist und dank der Potenzialanalyse für das Kind passende Massnahmen getroffen werden können. Von einigen Familien höre ich dann nichts mehr und nehme gerne an, dass alle „begabt und glücklich“ sind. Manche wünschen noch ein „Nach-Gespräch“ und einige melden sich nach Jahren wieder, weil vielleicht Entscheidungen zur Schul- oder Berufswahl zu treffen sind. Dieser Vertrauensbeweis freut mich dann jeweils auch sehr.

Mehr zum Thema habe ich auch hier verbloggt:

Vielleicht brauchst du mehr Infos? Oder das Potenzial deines Kindes soll evaluiert werden? Dann freue ich, wenn du dich bei mir meldest!

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