Meine Überzeugung: Pullout-Programme sind wichtig!

Nur allzu gut erinnere ich mich, wie ich vor bald 20 Jahren vom Verantwortlichen des Bildungsdepartements gemassregelt worden bin. Der Grund war, dass ich mir erlaubt hatte, als ersten Stein des Begabtenförderungskonzeptes an unserer Schule ein Pullout-Programm zu setzen. Damals wurden gerade die ersten Integrationskonzepte ausgebrütet und diese segrative Massnahme lief diesem Gedankengut entgegen. Macht nichts. Ich war schon immer ein bisschen quer in der Landschaft und lebe auch gut mit Gegenwind, obwohl ich ihn nicht suche. Erst heute kommt zögerlich Lob für unsere Pullout-Programme auch von höchster Stelle.

Was bedeutet Pullout?

Ein Pullout, oder wie es früher auch geschrieben wurde „Pull-out“, meint nicht anderes, als ein Kind aus der Klasse heraus „ziehen“ und in einem Gruppenangebot teilnehmen zu lassen. Dieses „Grouping“ kann je nach Organisationsform permanent über das ganze Schuljahr laufen oder eine kürzere Dauer aufweisen.

Erster Förderort bleibt die Klasse

Gebetsmühlenartig bekam ich dieses Mantra immer wieder zu hören. Grundsätzlich stimme ich da auch überein. Das Problem ist doch einfach, dass ganz viele Lehrpersonen mit der grossen Heterogenität im Klassenzimmer nicht zurechtkommen. Wie soll beispielsweise eine Lehrperson des Íyklus 1 (Kindergarten und 1./2. Klasse) ihre 20 Kinder optimal fördern? Zwar ist für ein paar Lektionen die schulische Heilpädagogin anwesend, die sich um jene Kinder kümmert, die noch nicht Deutsch reden oder aus irgendwelchen klinischen Gründen mit dem Schulstoff nicht nachkommen. Aber wer „füttert“ die cleveren Kids? Jene, die mit sechs Jahren schon wissen, dass Hummeln eigentlich nicht fliegen können sollten, dass es im Kern der Sonne 15 Mio. Grad heiss ist und diese Zahl auch schreiben können? Der Satz „begabte Kinder fördern sich selbst“ stimmt schlicht nicht. Auch diese Kinder haben ein Recht darauf, die Zeit, die sie in der Schule sitzen, sinnvoll zu verbringen!

Ein Tropfen auf den heissen Stein

Ja, das ist so. Darum ist ein Kriterium für ein gutes Pullout-Angebot immer die Verzahnung mit dem Regelklassenunterricht. Allerdings muss ich sagen, dass dies auch an unserer Schule bei den meisten graue Theorie ist. Viele Klassenlehrpersonen sind einfach froh, wenn sie das Problem, respektive das Kind, auslagern können. Und Material, das vorhanden wäre, damit die Kinder in der Klasse tote Zeit sinnvoll füllen können, bleibt ungenutzt. Einerseits, weil es sich die Kinder nicht ohne Begleitung erschliessen können und andererseits, weil Kinder eben gerne das machen wollen, was alle anderen auch tun.

Pullout-Programme stiften Freundschaften

Oftmals fühlen sich sehr begabte Kinder im Umgang mit ihren Altersgenossen „neben den
Schuhen“. Sie suchen sich deshalb entweder ältere oder virtuelle Freunde, überfordern ihre
MitschülerInnen mit zu hohen Erwartungen oder passen sich selber an. Das alles separiert sie schliesslich. Hier kann ein Pullout integrativ wirken. Pullouts geben Kindern mit hohen Fähigkeiten – und zwar unabhängig von Geschlecht und kulturellem Hintergrund – die Gelegenheit, mit anderen Kindern, deren Fähigkeiten in einem ähnlichen Bereich liegen, in Kontakt zu treten. Ich kenne einige Kinder, die in einem Pullout-Programm das erste Mal in ihren Leben Freundschaften gefunden haben!

Pullout-Programme sind gut fürs Mindset

Introvertierte, wenig risikofreudige, begabte Lernende (oft sind es ja die Mädchen) finden im Pullout einen geschützteren Rahmen und grössere Aufmerksamkeit als im Regelklassenunterricht. So können sie ihre Stärken ausbauen und deren Wirkung erfahren.
Als Konsequenz daraus verändern sich Selbstvertrauen und Selbstbild positiv und die Leistungsmotivation steigt, was sich dann auch wieder auf den ganzen Unterricht auswirkt.

Pullout-Programme als Prävention gegen Minderleistung

Kinder mit hohen Fähigkeiten brauchen die Erfahrung, dass auch andere Kinder zu hohen
Leistungen fähig sind! Dieses Gefühl ist für einige Kinder anfänglich fremd und wenig erstrebenswert. Aber es scheint mir total wichtig, dass sie diese Erfahrung früh machen und nicht in einer glorifizierenden Blase aufwachsen. Zudem werden die Kinder in Pullout-Programmen herausgefordert und ermuntert, statt dass sie sich auf den Lorbeeren ausruhen, vermeintlich zu schwierige Aufgaben einfach beiseiteschieben oder in die Hilfslehrer-Rolle schlüpfen.
Für viele Kinder ist es eine neue, aber wichtige und wertvolle Erfahrung, ihre Grenzen
auszuloten. Dass dies nachweislich besser im Kindesalter – optimalerweise im betreuten
Umfeldes eines von Fachpersonen geführten Pullouts – geschieht als während des
Studentenlebens, scheint naheliegend. Einer der vielen Gründe, wieso ich es liebe, mit den Lehrpersonen meiner jungen Klienten vor Ort zu arbeiten, ist der, in den Schulen für gute Bedingungen zu schaffen!

Pullout-Programme haben auch integrativen Charakter

Allen Vorwürfen zum Trotz: Auch das Pullout hat integrativen Charakter. Man könnte sogar von einer doppelten Integration sprechen:
Durch diese Massnahme ist Kindern mit weiterführenden Begabungen unter Umständen möglich, in ihrer Stammklasse zu bleiben. Gleichzeitig müssen sie sich in einer neuen Gruppe integrieren, ihren Platz finden und mit neuen Kamerad:innen zu Gange kommen.

Es braucht mehr Pullout-Programme!

Im Kanton Luzern gibt es nur ganz wenige Schulgemeinden, die sich Pullout-Programme, welche sich explizit an sehr begabte Kinder richten, leisten. Ob dies mit Können oder Wollen zusammenhängt, ist wohl von aussen sehr schwierig zu beurteilen. Die Schulgemeinde, in der ich unterrichte, bezahlt die Pullout-Programme für die begabten Schüler:innen (SuS) jedenfalls nicht aus der Kasse für die integrative Förderung. Andere Pullouts, deren Angebote sich an alle SuS richten, werden aus diesem Pool gespiesen.

Ich weiss, dass die Kantone Luzern, Bern und Zürich übergreifende Pullout-Angebote für Hochbegabte anbieten. Die Idee, die dahinter steckt, ist vorbildlich. Es mag für einzelne Kinder auch tatsächlich erstrebenswert sein, während zweier Lektionen pro Woche Chinesisch zu lernen, aber eigentlich widerspricht den neusten Erkenntnissen der Neurobiologie und damit auch der Begabtenförderung. Lernen macht dann Sinn, wenn es verknüpft, verzahnt und angewendet werden kann. Isoliertes Lernen ist meist schlicht zu wenig nachhaltig und auf Dauer auch unbefriedigend.

Ich bin überzeugt, dass wir viele Probleme, die sich im Zusammenhang mit Hochbegabung manifestieren können, verhindern könnten, wenn jede Schuleinheit ein Pullout-Programm für besonders begabte Kinder anbieten würde. Ein positives Verhältnis zu Leistung, ein gestärktes Mindset und last but not least auch die Chance, Gleichgesinnte kennenzulernen, sind Grundlagen für eine erfolgreiche Schulzeit. So gestärkt erhalten diese Kinder eine solide Basis, mit der sie – zusammen mit einem unterstützenden Umfeld – mutig im Leben voranschreiten können.


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