Sind Mädchen weniger intelligent als Jungs?

Diesen Artikel schreibe ich zum Weltfrauentag 2022, in einem Moment, wo abertausende Frauen mit ihren Kindern auf der Flucht aus der Ukraine sind, weil ihre Männer in den Krieg involviert sind. Es sind Professorinnen, Pianistinnen, Familienfrauen und Verkäuferinnen, die bis zum Äussersten gehen, um ihre Familien zu schützen.
Was das nun mit der Frage, ob Mädchen weniger intelligent als Jungs sind, zu tun hat? Ich versuche, dir meinen Ansatz zu erklären:

Ein Blick in die Vergangenheit

Wir wissen, dass Hochleistung, also das Umsetzen von hohem Potenzial, nur möglich ist, wenn genügend Gelegenheit dazu besteht. Expertise, also Höchstleistung, braucht entsprechend noch mehr Übungsfelder. Naheliegend, dass unsere Ahninnen aus gesellschaftlichen, religiösen und familiären Gründen diese Chancen über Jahrhunderte hinweg versagt blieben. Erst im 20 Jahrhundert entwickelten sich diese Möglichkeiten zögernd. Man stelle sich vor, dass bis 1977 Frauen in Deutschland nur mit Einwilligung ihres Ehegatten überhaupt berufstätig sein durften!

Intelligente Frauen gab es immer schon
Intelligente Frauen konnten früher ihr Potenzial nicht leben

Versteckte Genies – intelligente Mädchen stehen hinter den Jungs

Man weiss heute, dass die Schwestern von Mozart, Mendelssohn und Einstein mindestens so begabt, aber nicht so berühmt wie ihre Brüder waren. Das Gleiche gilt offenbar auch für die Partnerinnen berühmter Genies: Charles Darwins Frau war eine begabte Pianistin und Schülerin Chopins. Die Ehefrauen von Picasso und Pollock waren produktive und erst später anerkannte Malerinnen. Nicht selten galten diese hochbegabten Weggefährtinnen, die ihre Potenziale nicht leben durften, als psychisch krank wie Camille Claudelle (Auguste Rodin), Mileva Maric (Albert Einstein) oder Maria Bernoulli (Hermann Hesse).
Manche Schriftstellerinnen veröffentlichten auch nur unter männlichen Pseudonymen, so z.B. George Sand, oder die Brontë-Schwestern.
Auch viele Erfindungen wie der Scheibenwischer, Kaffeefilter, Gasheizung, Strahlentherapie oder die ersten Programmiersprachen für Computer wurden von Frauen entwickelt. Da aber bis Ende des 19 Jh. Frauen das Recht auf eigenen Besitz verweigert wurde, mussten sie auch ihr eigenes geistiges Eigentum ihren Männern überlassen. Genauso konnten Patente nur auf den Namen des Gatten oder Dienstherren angemeldet werden.

Aktuelle Situation

Ellen Winner, eine hochdotierte Psychologin aus den USA und die Frau von Howard Gardner untersuchte 2004 den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Hochbegabung näher. Sie fand heraus, dass in den USA bis zur dritten Klasse ungefähr gleich viele Mädchen wie Jungs in Begabtenförderungsprogramme involviert sind. In der Highschool sind es noch ca. 30% Mädchen und 70% Jungs. Diese Zahlen decken sich mit jenen, die mir aus den Schweizer Schulen bekannt sind. Tendenziell melden Lehrpersonen und Eltern mehr Buben als Mädchen zu Förderprogrammen an.

Wieso findet man die intelligenten Mädchen nicht?

Die Statistik der durchgeführten Intelligenztests zeigt, dass Jungen deutlich häufiger getestet werden als Mädchen. Dies deckt sich auch mit meinen Erfahrungen bei „begabt & glücklich“.

Ein möglicher Erklärungsversuch wäre, dass Intelligenztests von Lehrpersonen und Eltern in veranlasst werden, weil sie Aufschluss über die Begabungen des Kindes erhalten möchten, weil es im Unterricht negativ auffällt. Viele hochbegabte Mädchen weisen im Gegensatz zu Knaben sehr häufig ein eher angepasstes Verhalten auf. Sie geben also ihren Eltern weniger Grund ein Begabungsprofil zu erstellen. Häufig entdecken Eltern die herausragende überdurchschnittliche Intelligenz bei ihren Töchtern erst nach einer hohen Testung ihres Sohnes. Es ist es absolut sinnvoll, Geschwisterkinder testen zu lassen, auch wenn sie problemlos mitlaufen. Denn hohe Intelligenz ist erblich.

Weiter ist es so, dass die soziale Orientierung des weiblichen Geschlechts sich auch heute noch eher hemmend auf die intellektuelle Entfaltung auswirkt. Mädchen finden es häufig wichtiger, in der Peer Gruppe akzeptiert zu werden, als durch hohe Leistungen oder spezielle Interessen aufzufallen. Sie reagieren auch eher mit Lustlosigkeit und Desinteresse als mit störendem Verhalten als Jungen.

Intelligentes Mädchen im Heuhaufen
Die Identifikation von intelligenten Mädchen gleicht oft der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Veraltetes Frauenbild – auch heute noch!

Auch heute noch habe Mädchen tiefere Chancen, als hochbegabt entdeckt zu werden, als Jungs. Fietze (2010) erklärt dazu, dass „sich Eltern und Lehrerinnen seltener für die Förderung von Mädchen einsetzen, weil sie erstens weniger an deren aussergewöhnliche Begabung glauben und zweitens ihre schulische Karriere und Leistungsentwicklung für weniger (…) wichtig halten. (…) Die Notwendigkeit, dass Töchter einen Beruf ergreifen, steht heute nicht mehr zur Debatte. Dass sie in ihrem Beruf aber auch Karriere machen, gilt nicht als selbstverständlich.“ (S. 234)

Auch heute noch bremsen althergebrachte Strukturen herausragende begabte Frauen aus. Teilweise haben diese aber auch tief verinnerlichte Glaubenssätze. So antwortete die deutsche Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Christine Nüsslein-Volhard 2018 in einem Interview auf die Frage nach einer möglichen Vorbildfunktion für Frauen: „Für wen sollte ich ein Vorbild sein? Ich habe keine Kinder und keinen Mann.“

Auch heute noch sind intelligente Frauen vielen Männern suspekt. Unsere Kultur tendiert dazu, Frauen in Klischees wie „die dumme Schöne“ oder „die hässliche Intelligenzbestie“ zu pressen.
Zwar sind Frauen in den letzten Jahren in etablierte Machtstrukturen vorgedrungen, gleichzeitig haben aber Essstörungen epidemisch um sich gegriffen und die Schönheitschirurgie ist das wachstumsintensivste medizinische Fachgebiet. Dieser Trend wird durch die sozialen Medien und TV-Formate wie „Germanys next Topmodell“ weiter gepusht.

Was nun?

Lösungsansätze habe ich in meinem kürzlich veröffentlichten Blogartikel über kluge Mädchen schon beschrieben. Es ist unheimlich wichtig, dass alle Bezugspersonen an das Potenzial von Mädchen glauben. Denn Intelligenz ist ausser in den extremsten Ausprägungen gleichmässig zwischen den Geschlechtern verteilt. Mädchen sind definitiv nicht weniger intelligent als Jungs!

Angesichts der globalen Situation können wir es uns einfach nicht leisten, dass wir Potenziale verkümmern und die Frauen der Zukunft krank werden lassen!
Der Aufruf die Potenziale von Mädchen zu stärken, geht aber auch an die Eltern von Jungs: Wir brauchen Jungs und Männer, die keine Angst vor starken, intelligenten Frauen haben. Die nicht auf ihren „gottgegebenen Privilegien“ beharren, sondern ihren Teil beitragen, dass sich Frauen entfalten können.

Im Jahr 2009 formulierte der Dalai Lama auf der Weltfriedenskonferenz in Vancouver einen Satz, bei dem ich immer wieder Gänsehaut bekomme.

„The world will be saved by the western women“ –

Dalai Lama
Seine Heiligkeit, der Dalai Lama (Bild von John Hain auf Pixabay), zählt auf die westlichen Frauen

Dieser Satz berührt ganz tief etwas in mir. Vielleicht weckt er dieses Gefühl, dass wir Frauen aufhören sollten, unser Licht unter den Scheffel zu stellen? Wir, die Frauen der westlichen Welt werden unsere Erde retten. Und diese Frauen, das sind wir alle! Das sind auch die jungen modebewussten Frauen, ehrgeizige Studentinnen, die schulpflichtigen Teenager, die kleinen Mädchen aus der Krabbelgruppe, unsere ungeborenen Töchter und Enkelinnen!

Ich hoffe und bete dafür, dass wir kluge Frauen für die Arbeit in Führungspositionen in Grosskonzerte und politische Gremien finden können. Auf dass der Krieg, der gerade in der Ukraine tobt, der letzte sei!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.