Twice exceptionals – doppelt aussergewöhnlich

„Twice exceptionals“ sind Kinder, die zu ihrer Hochbegabung noch eine Störung oder Behinderung mit auf den Weg bekommen haben. Im deutschen Sprachraum nennen wir sie auch „doppelte Ausnahmen“. Hochbegabte Kinder mit einer Begleitstörung – ich sage lieber „special effect“, bilden bezüglich der Vielfalt ihrer Symptome eine sehr heterogene (durchmischte) Personengruppe. Das erschwert die Identifikation extrem.
Ich versuche hier auf Wunsch einiger Leser:innen einen Abriss über die Charakteristiken von Hochbegabten mit Lernschwächen, ADHS und Autismus sowie die daraus resultierenden Schwierigkeiten zu geben. Anschliessend erläutere mögliche Vorgehensweisen zur Förderung dieser Kinder.

Was sind „twice exeptionals“ genau?

Durch ihre Begleitstörung merkt man bei diesen Kindern kaum, dass sie in ihrer kognitiven Entwicklung weiter sind als Gleichaltrige. Twice exeptionals fallen meist mit schwer zuzuordnenden Symptomen auf. Der Grund dafür ist ebenfalls zweifach:

  • Erstens überschatten die Symptome der Einschränkung das intellektuelle Potenzial.
  • Zweitens ermöglicht es die Begabung, die Schwächen zu kompensieren.

So können viele dieser Kinder mit scheinbar durchschnittlicher Begabung die Primarschulzeit durchlaufen, bis steigende Anforderungen die Kompensation der Symptome nicht mehr zulassen.

Diese Kinder fallen durch die meisten Raster der Förderangebote. Zwar würden sie von beiden Ausrichtungen profitieren, doch erfüllen sie die Aufnahmekriterien für beide Seiten nicht.


Erschwerte Identifikation

Aufgrund ihres Handicaps schneiden sie in gängigen IQ-Tests oder mit ihren Schulnoten durchschnittlich oder unterdurch­schnittlich ab. So werden leider ihre Stärken weder erkannt noch gefördert. Und weil diese Kinder Schwächen ein Stück weit kompensieren können, werden diese Defizite nicht gefördert und die Kinder bleiben mit ih­ren inneren Diskrepanzen selbst überlassen.
Sind hingegen Schwächen erkennbar, so werden zumindest diese gefördert. Das Begabungspotential bleibt durch die verbreitete Defizitorientierung aber oft unentdeckt.
Dabei wissen wir aus der Geschichte, dass Behinderungen oder Lernstörungen keineswegs bedeutsame gesellschaftliche Beiträ­ge verunmöglicht. Ich denke dabei an Franklin Roosevelt, der im Rollstuhl sass, die taub-blind geborene Helen Keller oder Thomas Alva Edison, Albert Einstein und Auguste Rodin, die eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hatten.
Die Schwierigkeit besteht darin, trotz der oft leicht erkennbaren Einschränkungen die versteckten Begabungen dieser Kinder zu identifizieren.
Die Tatsache, dass die doppelt aussergewöhnlichen Kinder eine extrem heterogene Personengruppe bilden, erschwert die Identifikation zusätzlich: Ihre Begabungen können in einer oder auch gleich mehreren spezifischen Domänen (Fachgebieten) liegen und gleichzeitig weisen sie Defizite in einem oder mehreren Bereichen auf. Dabei kann es sich um körperlichen Beeinträchtigungen oder psychische Störungen handeln. Es gibt also extrem viele mögliche Kombinationen von individuellen Stärken und Schwächen.

Special Effects

Da es in vielen meiner Blogbeiträge schon über Hochbegabung ging, z. B. hier, führe ich hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit kurz mögliche Beeinträchtigungen aus, die gleichzeitig mit hohem Potenzial auftreten können. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir Potenzial, also die Möglichkeit der Leistung eines Menschen, nicht mit der Performanz, also der tatsächlich erbrachten Leistung, gleichsetzen.
Teilweise sind Störungen aufgrund ihrer Symptomvielfalt an sich schon schwierig zu diagnostizieren, wie z. B. bei ADHS. In Kombination mit hoher Begabung gestaltet sich dies noch viel anspruchsvoller, weil die Störungssymptome noch stärker als normal variieren.

Lernstörungen

Lernstörungen können alle Fähigkeiten betreffen, die für den Um­gang mit Sprache und Mathematik notwendig sind. Ca. 4–7 % der Kinder und Jugendlichen weisen eine Lese-Rechtschreib-Schwäche auf, wobei 60–80 % der Betroffenen männlich sind. Der An­teil an rechenschwachen Primarschülern wird mit ca. 4–6 % ange­geben.

Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten weisen oft Stärken im visuell-räumlichen Denken auf. Sie denken ganzheitlich und in lebhaften Bildern, kön­nen sich Objekte leicht dreidimensional vorstellen und mental rotie­ren. Genau das führt aber auch zu Problemen beim Schreiben und Lesen: Kinder berichten, dass sie auch Buchstaben dreidimensional
sehen, sodass ein „O“ wie ein Doughnut aussieht und über das Blatt rollen kann. Die Buchstaben b, d, p und q sind allesamt rotierte Spiegelbilder voneinander, wes­wegen sie leicht verwechselt werden. Dass dies Schreib- und Leseprozesse erschweren, wenn nicht gar verunmöglichen kann, ist leicht nachvollziehbar. (Anmerkung am Rande: Mit unserem Sohn, ebenfalls eine doppelte Ausnahme, hatten wir mit der Davis-Therapie bei LRS sensationelle Erfolge!)

Bei einer Rechenschwäche kann das Kind in jeder Domäne, die nicht stark von numerischen Fähigkeiten abhängt, besondere Begabungen aufweisen, so z. B. im künstlerischen oder sprachlichen Bereich. Welche besonderen Stärken der doppelt aussergewöhnlichen Kinder jedoch die numerischen Probleme erklären könnten, scheint bisher aber nicht erforscht worden zu sein.
Leider führen die Diskrepanzen von herausragenden intellektuellen Fähigkeiten und mangelnden Voraussetzungen zum Lesen, Schreiben oder Rechnen nicht selten zu psychischen Problemen.

Rechenübungen
Dyslexie schliesst Hochbegabung nicht aus

Ganzheitliche Diagnostik

Da diese Kinder oft die Lernziele nur knapp oder gerade eben erfüllen, sind sich die Lehrer der Begabungspotentiale eventuell gar nicht bewusst. Oft wird dann erst bei einer Untersuchung aufgrund von Lernproblemen oder persönlichen oder sozialen Problemen die Begabung diagnostiziert.
Eine sinnvolle Diagnostik sollte das Intelligenzprofil, die Leistungen, die Kreativität, das Selbstkonzept, die Lehrerbeurteilungen und fa­miliäre Unterstützung einbeziehen. Diese Informationen werden durch Gespräche mit Lehrern, Eltern und Beratern sowie durch die Schülerbeobachtungen erhoben. Bei Bedarf auch anhand zusätzlicher Testungen. Ausserdem wären wohl auch strukturierte Interviews hilfreich, um die Selbstwahrnehmung des Schülers als Lernende:r sowie die Inan­griffnahme weiterführender Aufgaben und die Arbeitsorganisation und Arbeitsgewohnheiten zu erfassen.

Die daraus abgeleiteten Fördermassnahmen sollten Enrichments zur Förderung von Begabungen, Kompensationsstrategien und Training in den leistungsschwachen Bereichen sowie die Förderung der Per­sönlichkeitsentwicklung umfassen.

Asperger Autismus

Für den Asperger Autismus wird von einer Verbreitung zwischen 0,025 und 0,48 % berichtet, mit einer deutlichen Überrepräsentation männlicher Patienten im Verhältnis 8:1. Die Defizite von Asperger Autisten liegen in drei Bereichen:

  • Verarbeitung von Umweltinformationen (ineffektives sensorisches System, schlechtes Zeitgefühl und Probleme mit sozialen und emotionalen Reizen)
  • kognitiven Verarbeitung (unflexibles Denken, Aufmerksamkeitsprobleme und Schwierigkeiten, andere Perspektiven einzunehmen)
  • Kommunikation (pragmatisch, Schwierigkeit, über die reine Wortbedeutung hinaus, also Metaphern, Andeutungen „zwischen den Zeilen“, etc., zu verstehen und dem gesellschaftlich erwarteten Kommunikationsverhalten gerecht zu werden.)

Die obengenannten Aspekte müssen auch beim Umgang mit hochbegabten Asperger Autisten beachtet wer­den. Diese unterscheiden sich von einfachen Asperger Autisten meist darin, dass sie genau bemerken, wie ihr Verhalten andere beeinflusst. Wie viele hochbegabte Kinder auch, haben begabte Asperger Autisten einen grossen Wortschatz und ein riesi­ges Wissen, das aber nicht auf persönlichen Entdeckungen und Er­fahrungen zu beruhen scheint, sondern auf der Memorierung aller Fakten zu ihrem Interessensgebiet. Sie tendieren auch dazu, sehr lange und/ oder elaborierte Vorträge zu ihrem Interessengebiet zu geben, ohne zu bemerken, dass ihr Gegen­über etwas sagen möchte, gehen muss oder gar nicht zuhört. Die Unfähigkeit, die Sichtweise ihres Gegen­übers zu verstehen, führt oft zu einem Scheitern der Kommunikati­on. Wie auch viele hochbegabte Kinder sind begabte Asperger Au­tisten anfällig für Ablenkungen.
Hochbegabte Asperger Autisten werden oft falsch diagnostiziert, weil ihr Verhalten mit Lernstörungen oder Hochbegabung in Verbindung gebracht wird. Sie können aber auch gesunden, durchschnittlichen Kindern sehr ähnlich sein, sodass sie keine speziellen Förderangebote erhalten. Bei der Diagnostik ist daher besonders auf die kindliche Entwicklungsge­schichte und auf einige differenzierende Charakteristiken (z. B. Sprachmuster, Reaktion auf die Veränderung von Routinen, die Be­wusstheit der eigenen Andersartigkeit, reziproker sozialer Humor, unangemessener Affekt) zu achten. Neben den therapeutischen Interventionen könnten zur Förderung beispielsweise Lernstrategien auf visualisierende Art und Weise vermittelt und verbessert werden.

Reizüberflutung sollte bei Autisten vermieden werden

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS)

­Es gibt drei verschiedene Typen von ADHS.

Der hyperaktiv-impulsi­ve Typ ist charakterisiert durch Ruhelosigkeit, Redseligkeit, Zappe­ligkeit, Rebellieren und Impulsivität.

Der unaufmerksame Typ hin­ gegen ist tagträumerisch, ablenkbar, vergesslich, apathisch, sozial zurückgezogen, hat Probleme, in der Schule aufzupassen, und er­bringt Leistungen, die unter seinen intellektuellen Möglichkeiten lie­gen.

Der dritte Typ, der Mischtyp, vereint Merkmale der beiden an­ deren Typen in sich.


Hochbegabte Kinder mit ADHS lernen, wie Hochbegabte ohne ADHS auch, normalerweise schneller als gleichaltrige Kinder. Die Asynchronie in ihrer emotionalen, sozialen und kognitiven Entwicklung ist jedoch oft noch stärker ausgeprägt, als bei Hochbegabten oder
bei Kindern, die nur ADHS haben. „Twice exceptionals“ scheinen zudem oft unreifer als die einfach aussergewöhnlichen Kinder. Kinder mit ADHS haben in der Regel Schwierigkeiten, sich für längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Bei hochbegabten ADHS-Kindern ist eine längere Konzentrationsphase möglich, wenn sie sich für das Thema leidenschaftlich interessieren. Oft ist für sie jedoch der innere Antrieb, eine Auf­gabe erfüllt zu haben, nicht ausreichend verstärkt, um ihre Moti­vation aufrechtzuerhalten.

Hochbegabung und ADHS weisen oft gleiche Symptome auf

Auch hier gestaltet sich die Identifikation dieser Kinder schwierig. Bei vielen Hochbegabten wird fälschlicherweise ADHS diagnostiziert, weil energiegeladene Hochbegabte oder hoch kreative Kinder oft die gleichen Verhaltensweisen an den Tag legen wie ADHS-Kinder. Manchmal wird aber bei Hochbegabten ADHS auch übersehen, besonders der unaufmerksame Typ bei Mädchen. Dieser Typ entfaltet sich nämlich erst später (mit ca. 13 statt mit 7 Jahren) und die Mädchen wirken ab­wesend, haben Probleme sich zu konzentrieren, ihren Alltag zu or­ganisieren und manche können sich nicht an Inhalte erinnern, die sie gerade gelesen haben. Deshalb müssen im­mer auch Umwelt, Kontext und die curricularen Herausforderungen beachtet werden, wenn die problematischen Verhaltensweisen be­urteilt werden.

Erfolgreiche Interventionen beinhalten Techniken der Verhaltens­regulierung, der Selbstüberwachung sowie das Einsetzen sozialer Modelle und das Herstellen einer strukturierten Umwelt. Ausserdem muss die Anweisung individuell herausfordernd
und stimulierend sein. Auf Medikation mit Methylphenidat (z. B. Ritalin, Medikinet) sollte bei Kindern aufgrund der Nebeneffekte soweit möglich verzichtet werden. Dies heisst nicht, dass sie im individuellen Fall nicht auch sinnvoll sein kann!

Allgemeine Probleme der zweifach aussergewöhnlichen Schüler

Aufgrund ihrer doppelten Aussergewöhnlichkeit vereinen alle der oben beschriebenen Schüler:innen gegen­sätzliche Eigenschaften in sich. Das kann dazu füh­ren, dass Lehrpersonen zunächst begeistert die positiven Charakteristiken wie die kreative Problemlösefertigkeit, ihr kritisches Denken, ihre Neugier dieser jungen Menschen wahrnehmen. Bald wird aber diese positive Wahrnehmung von Frustration überschattet, weil die Schüler:innen unfä­hig sind, akademische Fähigkeiten zu zeigen, und oft massive Ver-
haltensauffälligkeiten aufweisen. Diese steigende Herausforderung kann dann zu negativen Handlungen führen.
Ausserdem stellen gerade die aussergewöhnlichen Fähigkeiten der Kinder emotionale Risikofaktoren dar, die zu einer negativen Entwicklung beitragen können. Einige dieser Risikoeigenschaften von zweifach aussergewöhnlichen Kindern sind ein fragiles Selbstkonzept, Probleme der Selbstakzeptanz, Unwohlsein in sozialen Situationen, starke Frustration und Wut, das Bedürfnis, aufgestaute Energie abzulassen, interpersonale Probleme mit Gleichaltrigen, Lehrern und der Familie oder Schwierigkeiten in be­stimmten Bereichen.
Extrem problematisch ist für diese Schüler:innen ein perfektionistischer Anspruch an sich selbst. Perfektionisten arbeiten oft sehr hart, um ihre Einschränkungen zu verstecken, oder bearbeiten Auf­gaben, die ihre Fähigkeiten übersteigen, erst gar nicht, um so ihre Unfähigkeit zu verbergen. Dadurch sind sie langfristig dadurch gefährdeter, eine Depression oder Angststörung zu entwickeln.

Identifikation zweifach aussergewöhnlicher Kinder

Man muss die Fähigkeitsbereiche differen­ziert betrachten, um ein realistisches Gesamtbild von den Stärken und Schwächen eines Kindes zu erhalten. Positive und negative Ei­genschaften dürfen sich nicht gegenseitig aufheben, damit das Kind nicht als durch­schnittlich oder unterdurchschnittlich eingestuft wird. Das gilt selbstverständlich auch für die Interpretation von (IQ-)Testergebnissen, wo auf jeden Fall immer die Leistungsprofile berücksichtigt werden sollten.

Defizitorientierung erschwert die Identifikation

Die einzelnen Probleme bei der Identifikation von „twice exceptionals“ werden deut­lich: Zunächst bereitet die eingangs erläuterte Heterogenität der Personengruppe Schwierigkeiten, da ohne die Hilfe diagnostischer Kriterien Kinder in verschiedensten Einrichtungen richtig einge­schätzt werden müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass Eltern, Lehrer und Erzieher von einem Defizit-Modell geleitet werden. Es kommt primär darauf an, behinderten/ erkrankten Kindern eine passende Schul-Umwelt zu bieten (oft separate Einrichtungen), was den Fokus auf die Schwäche des Kindes lenkt.
Ein weiterer Grund, warum die Begabung der „twice exceptionals“ oft unerkannt bleibt, liegt in mangelnder Vorbereitung bzw. Ausbil­dung der Lehrkräfte und deren stereotype Annahmen bezüglich Hochbegabung. Denn sie sehen aussergewöhnliche Begabungen oft als
unvereinbar mit einer Behinderung oder psychischen Erkrankung. Dadurch tragen sie niedrige Erwartungen an die handicapierten Schüler:innen heran. Dieses stereotype Verhalten scheint bei offensichtli­chen körperlichen Behinderungen besonders stark aufzutreten.
So erzählen beispielsweise auf einen Rollstuhl ange­wiesene Menschen, dass mit ihnen lauter und langsamer gespro­chen wird – als ob sie geistig behindert wären.

Ein weiteres grosses Problem bei der Identifikation doppelt aussergewöhnlicher Kinder sind die von Leistungs- und IQ-Tests vorgege­benen Bearbeitungszeiten. Bei vielen Aufgaben kommt es darauf an, in einer vorgegebe­nen Zeit möglichst viele Items zu beantworten. Die „twice exceptionals“ sind bei der Testbearbeitung aber meist langsamer, u. a. wegen
schlechteren motorischen Fähigkeiten, höherem Energieaufwand für die sensorische Verarbeitung oder schlechtem Zeitmanagement bei ADHS. Darum erzielen sie oft
schlechtere Testergebnisse.

Multidimensionale Diagnostik

  • Lehrer soll­ten die Charakteristiken von Hochbegabten mit verschiedenen Begleitstörungen kennen.
  • Sie sollten Situationen schaffen, in denen Bega­bungen zum Vorschein kommen können, wie das Anbieten mehrerer Lernwege oder individuelle Differenzierungsmassnahmen.

Leider verfügen immer noch nur wenige professionelle Kräfte über vertieftes Wissen im heil-/ und sonderpädagogischen Bereich und der Begabten­förderung. Es ist dringend nötig, dass in Zu­kunft Lehrerpersonen und Berater:innen im heilpädagogischen, sonder­pädagogischen und regulären pädagogischen Bereich in ihrer Aus­bildung vermehrt Wissen zur Begabungsförderung vermittelt bekommen. Nur so kann eine effektive Zusammenarbeit stattfinden.

Generell ist eine multidimensionale Diagnostik indiziert, die ne­ben IQ-Test-Profilen weitere Testverfahren und Gespräche beinhal­tet. Der Diagnostikprozess sollte auch über mehrere Zeitpunkte hin­weg stattfinden, um ein ganzheitlicheres Bild des Kindes und seiner Fähigkeiten zu erhalten. Dafür spielen insbesondere die Eltern und Lehrkräfte, die das Kind in einer Vielfalt an Si­tuationen erleben, eine wichtige Rolle.

Förderung zweifach aussergewöhnlicher Kinder

Ein aus einem umfangreichen Diagnostikprozess abgeleitetes Förderprogramm sollte individuell zusammengestellt werden und fol­gende vier Kernelemente haben (NIELSEN & HIGGINS 2005):

  • Einbettung in ein übergreifendes Fördermodell
  • Komplexe interdisziplinäre Lerninhalte
  • Eingehen auf nicht-kognitive Bedürfnisse
  • Spezielle Fördermassnahmen

Das Förderprogramm sollte in ein den Schulalltag übergreifendes Fördermodell eingebettet sein. So wird eine konti­nuierliche Förderung unter der Integration heilpädagogischer, sonder­pädagogischer und begabungsfördernder Elemente sicherstellt.
Die komplexen, interdisziplinären Inhalte dienen dazu, dem ver­netzen Denken und dem Interesse der Begabten entgegenzukommen, sodass sie ihre Problemlösefähigkeiten und Kreativität einsetzen und weiterentwickeln können. Es ist wichtig, den Schülern möglichst in jedem Fach die passende Herausforderung zu bie­ten, um bei Stärken und Schwächen den nächsten Entwicklungs­schritt anzugehen. Keinesfalls sollte die Instruktionszeit bei den Stärken verringert werden, um den Fokus auf die Schwächen zu
richten. Denn sobald diese Kinder ihre Einschränkungen kompensie­ren können, sind sie zu herausragenden Leistungen fähig .

Förderung soll in ein ganzheitliches Konzept eingebunden sein

Ermutigung durch Selbstwirksamkeit

Kinder sind durch Erfolgserlebnisse und zusätzliche Selbstwirksamkeits­erfahrungen durch Erweiterungen des herkömmlichen Lehrplans, Teamarbeit, kooperativen und kollaborativen Lernformen sowie eine flexible Lernumwelt ermutigt, neue Her­ausforderungen anzunehmen, wie sie u. a. in Akzelerations- oder Enrichmentprogrammen geboten werden.
Die motivierende Möglichkeit der Selbstwirksamkeit verbunden mit Erfolg ist eines der emotionalen Bedürfnisse, das ein Förderprogramm abdecken sollte. Alternativ eingerichtete Klassenräume mit stressfreier, aber intellektuell stimulierender Atmosphäre und Frei­raum für Selbstreflexion bieten sich sowohl für die emotionalen wie auch für das teilweise erhöhte Bewegungsbedürfnis der Kinder an. Oft benötigen sie auch Hilfestellung in sozialen Interaktionstechniken. REIS, MCGUIRE und NEU (2000) stellten fest, dass gerade
die Fähigkeit, die eigenen Interessen zu vertreten, sowie die Ver­wendung von Kompensationsstrategien, erfolgreiche „twice exceptionals“ auszeichnet.
Mit spezifischen Fördermassnahmen sind beispielsweise der Einsatz technischer Hilfsmittel zur Kompen­sation sensorischer Defizite, der Besuch von Enrichmentkursen
oder ein fachspezifisches Mentoring. Ein Mentoring könnte natürlich z. B. als Pull-out Massnahme in Form einer individuellen heilpädagogischen Begleitung stattfinden. So erhält das Kind anstelle von regulären Un­terrichtsstunden beispielsweise vier Stunden pro Woche eine indivi­duelle Förderung in seinem Begabungsbereich. Zusätzlich zum Training in den schwachen Bereichen.

Förderung braucht Vernetzung

Offensichtlich wird kein Standardprogramm diesen Förderansprüchen gerecht. Eine sinnvolle, differenzierte und effektive Förderung ist nur innerhalb eines guten Netzwerkes mög­lich, in dem Eltern, die verschiedenen Lehrpersonen (Begabungsförderung, sonderpädagogische Förderung, Klassenlehreperson), Schulleiter:in, Therapeut:innen und Kind in regem Austausch über spezifische Interventionen und bisherige Erfolge stehen.

Fazit

Trotz der in den letzten Jahren gestiegenen Aufmerksamkeit für hochbegabte Kinder und ihrer Förderung fällt die Gruppe der in zweifacher Hinsicht aussergewöhnlichen Kinder oft durch das Raster der Scree­ning-Prozesse für spezielle Fördermassnahmen.
Die vielfältigen individuellen Kombinationen von spezifischen Begabungen und Defiziten erschweren es Lehrer:innen, Psycholog:innen, Therapeut:innen und El­tern, die besonderen Potenziale zu entdecken und deren Entfaltung zu unterstützen.
Daher ist es so wichtig, die Charakteristiken dieser Kinder zu kennen, sie zu identi­fizieren und ihnen dann eine individuell passende Lernumwelt zu bieten.
Das heisst konkret auch, dass Heil- und Son­derpädagog:innen über Hochbegabung, begabungsfördernde Institutionen sowie über Störungsbilder und Behinderungen informiert sein müssen. Lehrpersonen brauchen Einblicke in beide Bereiche, um die Be­dürfnisse dieser Schüler zu erkennen. Mit diesem Wissen ausgestattet, kann eine fruchtbare Zusammenarbeit entstehen, damit auch „twice exceptionals“ ihr Potenzial voll aus­schöpfen und bedeutende Beiträge in unserer Gesellschaft leisten können.

2 Gedanken zu „Twice exceptionals – doppelt aussergewöhnlich

  1. Von: AJ

    Ich kenne fast keine Seiten im deutschsprachigen Bereich, die sich mit 2E überhaupt auseinandersetzen, danke für die Zusammenfassung. Ich möchte gern anmerken, dass die Effekte einer unbehandelten ADHS (Depression, Sucht, Risikoverhalten in anderen Lebensbereichen) für das Individuum und die Familie oftmals knallhart sind, die Nebenwirkungen einer medikamentösen Intervention dagegen in der Regel gut steuerbar und die positiven Effekte oftmals bahnbrechend. Siehe hierzu auch Dr. Russell Barkley’s exzellente Zusammenfassung, die ich rein anekdotisch als Familienvater eines 2E Kindes auch so bestätigen kann: https://youtu.be/_tpB-B8BXk0

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  2. Von: Dina Mazzotti

    Danke vielmals für Ihre interessante Ergänzung!
    Freundliche Grüsse, Dina Mazzotti

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