Vom (Un-) Sinn der IQ-Tests

«Würdest du unser Kind mal abklären?», fragte mich neulich eine Bekannte, als ich gerade auf dem Weg zur Schule war. «Abklären? Worauf denn?», antwortete ich erstaunt, wusste ich doch, dass das Kind leicht und problemlos durch die Schule flutscht und auch hin und wieder mal an einem Förderangebot teilnehmen kann. Zudem hat es das Glück, bei Lehrpersonen in der Klasse zu sein, die sehr differenzierte Angebote bereitstellen und auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Warum also kam meine Bekannte auf die Idee, dass man ihr Kind abklären sollte?
Im Gespräch, das wir auf dem Weg zur Schule führten, stellte sich dann heraus, dass sie von ihrem Umfeld offenbar mehrmals darauf angesprochen wurde, wie toll ihr Kind sei, wie schnell es Dinge kapiere und Anweisungen umsetzen kann und dass andere Kinder in der Klasse wohl daheim erzählten, S. sei soooo intelligent. Und jetzt hatte ihre Mamma das Gefühl, sie würde etwas versäumen, wenn ihr Kind nicht getestet würde.

Abklärung muss Sinn machen

Am Anfang jeder Abklärung steht eine Frage. Eine Frage, die durch die Testung beantwortet werden kann, sei es durch eine schlichte Zahl oder ein spezielles Profil. Wenn sich also herausstellt, dass der Klassenclown nur zu seiner Rolle gekommen ist, weil er unterfordert ist, dann müssen auf die Diagnose «überdurchschnittlich begabt» oder gar «hochbegabt» auch Massnahmen besprochen und vor allem umgesetzt werden. Sonst nützt die Zahl nichts. Auch wenn wir feststellen, dass es sich um ein Kind mit ADS handelt – wobei ADS eigentlich eine Ausschluss-Diagnose handelt, der noch andere Testungen vorangehen- muss am familiären und schulischen Umfeld etwas geändert werden. Sonst macht der ganze Testungsaufwand keinen Sinn.

Nicht jedes clevere Kind muss abgeklärt werden

Viele begabte Kinder sind glücklich. Das geht hin und wieder vergessen, wenn wir von all jenen hören, die Probleme mit unserem Schulsystem haben. Dafür braucht man übrigens nicht unbedingt hochbegabt zu sein, dies nur so als Bemerkung am Rande. Viele Kinder mit hohem Potenzial geniessen es, dass sie für die Schule wenig tun müssen, können sich motivieren, wenn es doch mal darum geht, einen besonderen Effort zu leisten und haben eine gute Arbeitshaltung. Viele von ihnen haben Hobbies, die sie ausfüllen und begeistern, machen in Vereinen mit und kommen super mit ihren Kollegen klar. Solange sie mit ihren Fähigkeiten nicht krampfhaft hinterm Berg halten müssen, solange sie nicht schlechte Noten schreiben um nicht aufzufallen und plötzlich zu Minderleistenden werden, gibt es da auch nichts dagegen zu sagen. Ich kenne einige dieser Kinder- vielleicht auch, weil ich an einer Schule arbeite, die diese Kinder auch im Fokus hat. Und es gibt immer wieder Kinder, die nicht mehr an speziellen Förderprogrammen teilnehmen wollen, weil sie es in ihren Klassen so spannend finden, weil da genug Anreiz zum Lernen vorhanden- vielleicht aber auch, weil sie nicht auffallen wollen. Da gilt es dann, genau hinzuschauen und aufmerksam zu sein, welches der wahre Beweggrund ist… Aber wenn sich diese Kinder im Regelklassenunterricht wohl fühlen, finde ich es auch durchaus okay, wenn das Pull-out mal ausgesetzt

Welche Gründe sprechen für eine Testung

Während wie oben erwähnt vor allem Jungs die Tendenz haben, bei Langeweile herausforderndes, störendes Verhalten an den Tag zu legen, ist es bei den Mädchen eher so, dass sie sich zurückziehen, ihr Können nicht zeigen und ob all den Anpassungsleistungen vielleicht sogar depressiv werden. Mag das den Lehrpersonen nicht sofort auffallen, sollten Eltern unbedingt reagieren, wenn sie merken, dass ihr einst so wissbegieriges, neugieriges Kind anfängt sich zurückzuziehen, nicht mehr in die Schule will oder sogar psychosomatisch mit Bauch- oder Kopfschmerzen reagiert. Als Anwälte für ihr Kind sind sie gefordert, als ersten Schritt das Gespräch mit der Lehrperson zu suchen. Nicht immer steht eine Unterforderung im Raum, es könnte auch eine Überforderung oder eine schwierige Sozialkonstellation dahinterstecken. Um der Sache auf die Spur zu kommen, ist es wichtig, die Lehrperson als Verbündete ins Boot zu holen. Auch wenn man emotional aufgewühlt ist, erleichtert es das Gespräch, wenn man sachlich bleiben und evtl. auch mit Notizen belegen kann, was genau Sache ist.
Je nach Schulstruktur wird die Klassenlehrperson vorschlagen, eine Fachperson ins Boot zu holen, die schulische Heilpädagogin oder die Beauftragte für Begabtenförderung.
Vielleicht plädiert die Lehrperson sogar für eine Testung. Die meisten Schulen sind einem Schulpsychologischen Dienst angeschlossen, der erste Anlaufstelle für solche Themen ist. Selbstverständlich ist es Eltern unbenommen, selbst eine Psycholog*in zu wählen. Je nach Krankenversicherung werden aber diese Kosten aber an den Erziehungsberechtigten hängen bleiben.

Eine Testung kann sinnvoll sein, wenn
– Zwischen Eltern und Lehrpersonen grosse Diskrepanzen in der Einschätzung der Fähigkeiten des Kindes bestehen
– Vorurteile und fixe Meinungen bestehen
– Eltern (und Lehrpersonen) verunsichert sind
– ein objektives Bild über Schwächen und Stärken des Kindes benötigt wird, z.B. auch bei einem Schulwechsel, früher Einschulung oder Übertritt ans Gymnasium

Ich teile die Ansicht, dass Kinder früh getestet werden sollten, wenn sich starke Abweichungen von der Norm bemerkbar machen, die das Zusammensein im Gruppenverband erschweren. Früh heisst aber nicht im Kleinkindalter, weil da einerseits meines Erachtens zu wenig elaborierte Tests vorliegen, aber vor allem, weil die Entwicklungssprünge in diesem Alter noch sehr galoppieren. Persönlich habe ich mich dazu entschieden, dass ich keine Kinder vor dem 6. Geburtstag teste.

Test-Vorbereitung

Damit meine ich nicht, dass mit dem Kind geübt werden soll!
Aber dem Kind soll mit ein bisschen Vorlaufzeit erklärt werden, dass es zu jemandem gefahren wird, der hilft «herauszufinden, was es schon gut kann» oder «mitdenkt, wie wir die Situation in der Schule für dich verbessern können». Dabei ist es wichtig, nahe an der Wahrheit zu bleiben!
Vermeiden werden sollten auch Trigger wie «Test» und «Hochbegabung»- es hört sich doch auch für uns verlockender an, wenn man von «Frage- und Antwort-Spiel» oder «Quiz» redet.
Es ist auch wichtig, das Kind darauf vorzubereiten, dass es mit der Testperson eine Weile allein sein wird.

Ich bespreche die Testung an einem späteren Termin mit möglichst beiden Elternteilen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass die meisten Kinder nachher müde und hungrig sind und das Bedürfnis nach frischer Luft und Bewegung haben. Vielleicht lockt aber in Rothenburg auch noch ein Ausflug in Tonis Zoo oder zum Chärnsmatt-Spielplatz? Es spricht nichts dagegen, die Testung mit einem zusätzlichen Erlebnis zu verbinden. Geben Sie aber bitte vorher dem Kind auch Zeit sich von mir zu verabschieden. Vielleicht will es noch etwas zeigen oder erzählen? Die meisten Kinder fühlen sich wohl bei mir und sind glücklich, dass sie so richtig an ihre Leistungsgrenze gehen konnten. Dieses gute Gefühl sollte nicht durch Abschiedsstress zunichte gemacht werden.

Testverfahren

Ist denn Intelligenz messbar? Ja, das ist er im Prinzip. Ein Intelligenztest ist aufgrund des Konzepts von Intelligenz nichts anderes als ein wissenschaftlich erhärtetes Messverfahren, das eindeutige Vergleichszahlen liefert, wo ein Kind, verglichen mit einer grossen Menge gleichaltriger Kinder, steht. Diese geistigen Fähigkeiten, oder eben «Intelligenz», ergeben für unterschiedliche Bereiche ein spezifisches Begabungsprofil. Insofern ja. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass Tagesform, Motivation, Bezug zur Testperson wichtige Faktoren für das Ergebnis sind. Die gängigen Tests sind so angelegt, dass hohe Ergebnisse nicht zufällig entstehen können. Tiefe Resultate hingegen können auch aufgrund der oben erwähnten Faktoren auftauchen. IQ- Werte bleiben auch nicht lebenslang die gleichen, je jünger das Kind umso weniger verlässlich sind sie. Und auch später sind Testwerte, die älter als zwei Jahre sind, bereits mit einer gewissen Vorsicht zu interpretieren.

Bei «begabt & glücklich» teste ich in aller Regel mit dem WISC-V (früher bekannt unter dem Namen HAWIK) der 2017 neu geeicht wurde und sich an Menschen im Altern von 6;0 bis 16;11 richtet. Diese Testbatterie schätze ich, weil sie ein sogenannter «Powertest» ist, d.h. die Aufgaben zunehmend schwieriger werden, er eignet sich für eine Hochbegabtenabklärung ausgezeichnet. Die Aufgaben und Fragestellungen werden zunehmend komplexer und dementsprechend müssen es auch die Antworten werden um noch als richtig anerkannt zu werden. Ich liebe es, das Leuchten in den Augen der Kinder zu sehen, die sich freuen, wenn sie so richtig gefordert werden!

In Deutschland sehr verbreitet ist auch der AID 3, der wie der WISC-V ein in der Anforderung immer anspruchsvoller werdender Einzeltest ist. Der Vorteil von Einzeltests ist, dass das Verhalten der Kinder gut beobachtet und festgehalten werden kann. Es ist hilfreich zu sehen, wie sich ein Kind bei Misserfolg verhält, wie genau es zuhört oder ob Flüchtigkeitsfehler aufgrund von Zeitdruck oder vermuteter Unterforderung entstehen.

Obwohl er keine genauen Profil-Analysen erlaubt, setze ich hin und wieder auch den sprachfreien CFT 20-R ein, der einfach durchzuführen ist, aber mir ein Kontrollinstrument gibt, wenn der Verdacht besteht, dass ein Kind aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten unter seinem Wert testet.
Allerdings gibt auch der WISC-V eine Auswertung der sprachfreien Untertest- aber sicher ist sicher.

Alternativen zur Testung

Wie schon an anderer Stelle besprochen, ist ein hoher IQ kein Garant für hohe Leistung und Lebenszufriedenheit.
Wenn ein Kind bereits eingeschult ist, ist auch den Beobachtungen der Lehrperson Gewicht zu geben. Sie kann auch vergleichend und relativierend wirken. Allerdings darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass Kinder sich in der Schule oft ganz anders zeigen als im vertrauten Familienumfeld.

Aufwendig, aber sehr aussagekräftig wären auch weitgefasste Screenings, wie das von von Victor Müller-Oppliger entwickelte multifaktorielle systemische Screening.

Es besteht aus mehreren Teilen:
– dem sprachfreien CFT 20-R, aufgebaut nach dem Intelligenzmodell von Cattell, der die fluide Intelligenz misst und so vor allem auch die Underachiever erfasst
– einem Stärkefragebogen, in welchem die Kinder ihre Fähigkeiten selbst einschätzen
– einem Interessenfragebogen
– dem zeichnerischen Kreativitätstest TDS-Z von Urban und Jellen
– die Fragebogen zu SELLMO und SESSK, welche die schulische Lern- und Leistungsmotivation sowie das schulische Selbstkonzept abfragen
– einem differenzierten Elternfragebogen, z.B. jenem von Salomé Müller-Oppliger.

Eine ausgebildete Begabungsfachperson wertet diese umfassenden Unterlagen aus und bespricht das so erhaltene Profil zusammen mit den Lehrpersonen. Dabei wird besonders auf übereinstimmende, also auf eine Begabung hinweisende Beobachtungen, einen überdurchschnittlichen IQ, das Lern-und Arbeitsverhalten, kreative Aspekte, auf für das
Alter des Kindes spezielle Interessen, eine hohe Lern-und Leistungsmotivation, überdurchschnittliche Leistungen sowie auf Übereinstimmungen der Eltern-und Lehrpersoneneinschätzung und der Selbstwahrnehmung der Kinder geachtet.
Selbstverständlich werden dabei auch Diskrepanzen und allfällige psychosomatische Aspekte beachtet.
Diese individuellen Auswertungen sind aufwändig. Deshalb werden lediglich die im Screening 15-20% auffälligen Kinder, etwa 3-5 Kinder pro Klasse, detailliert ausgewertet.

Für ein multifaktorielles Screening eignet sich das vom ÖZBF entwickelte mBet- Begabungs-Entwicklungs-Tool ebenfalls sehr gut.

Auswertung

Jeder Testung folgt ein Auswertungsgesräch, an dem möglichst beide Erziehungsberechtigten teilnehmen sollten. Hier werden die einzelnen Werte erklärt und optimalerweise auch das Begabungsprofil erklärt. Für viele Eltern ist er IQ- Wert das zentrale Element der Testung, aber mindestens so interessant ist das persönliche Begabungsprofil eines Kindes, das sich stark von einem anderen mit demselben IQ unterscheiden kann.
Fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstehen, machen Sie sich Notizen auch wenn Sie im besten Fall noch einen Bericht erhalten werden. Gemeinsam können Sie Massnahmen und Entwicklungsziele definieren, die dann optimalerweise mit den Lehrpersonen vor Ort umgesetzt werden.
Fragen Sie nach, ob die Fachperson auch an Gesprächen mit der Schule teilnehmen kann. Diese Massnahme kann oft Wunder wirken…

To test or not to test

Wer sich jetzt also überlegt, ob sein Kind einer Intelligenzevaluation unterzogen werden soll, sollte sich über Sinn, Zweck und Ziel vorgängig Gedanken machen. Eine etablierte Testung ist nicht ein Wettrennen, bei dem es darum geht, wer zuerst am Ziel ist. Sie ist auch kein esoterischer Hokuspokus, noch eine Kristallkugel, die die (Schul-)Karriere des Kindes voraussagt. Aber sie kann helfen, die Strukturen und Fähigkeiten als Momentaufnahme abzubilden, wobei hinzugefügt werden kann, dass das Profil letztlich aussagekräftiger als der IQ- Wert ist.
Bei diesen Überlegungen helfe ich gerne mit, bringe meine Erfahrung und Perspektiven mit ein. Ich freue mich auf ein Kennenlernen!
Übrigens: Der eingangs erwähnten Mamma habe ich von einer Testung abgeraten. Sie hat ein glückliches Kind, das grundsätzlich gerne zur Schule geht und sich auch herausfordern lässt. Alles bestens also

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