Was ist eigentlich das Drehtürmodell?

Alles dreht sich

Man schrieb das Jahr 1888 als Theophilus Van Kannels das Patent für die Drehtür erhielt, das ihm später die Auszeichung der „John Scott Legacy Medal“ einbrachte, die für „Komfort, Wohl und dem Glück der Menschheit dienen“. 
Ob Joe Renzulli, der den Namen „Revolving Door Model“ prägte, so hohe Absichten im Hinterkopf hatte, wissen wir nicht. Aber auf jeden Fall soll auch in der Pädagogik die Drehtür ein schwungvolles Verlassen des einen und ein beschwingtes Eintreten in einen anderen Raum, der dann nach einer bestimmten Zeit auch wieder verlassen werden kann, fördern.
Das Drehtürmodell ist ein relativ häufig benutzter Begriff aus der integrativer Begabungs- und Begabtenförderung. Doch beginnen wir von vorne:

A rising tide lifts all the ships

Mit der Flut steigen alle Schiffe

Das war der Grundgedanke des Erziehungswissenschaftlers Joe Renzulli, als er in den 1970er- Jahren sein „Schoolwide Enrichment Modell“ (SEM), ein Ansatz, bei welchem der Unterrichtsstoff auf vielfältige Art und Weise angereichert wird, implementierte. Im Gegensatz zu Amerika, wo es einige Schulen gibt, die sich diesem Enrichment-Modell verschrieben haben, hat es sich im DACH-Raum nicht wirklich durchgesetzt. Eine löbliche Ausnahme bietet in der Schweiz z.B. die Kantonsschule Beromünster, die sich das Enrichment explizit auf die Fahne schreibt. 
Recht verbreitet ist jedoch das Drehtür-Modell, das einen Teil des SEMs darstellt. Allerdings gibt es auch hier – wie bei einem Musikstück-  ganz verschiedene Interpretationen und Ausführungen davon, wie die Potenziale der Kinder zum Klingen gebracht werden sollen.

Die Ursprungsidee

Das Bild der Drehtür zeigt, wie unkompliziert begabte Lernende während des regulären Unterrichts das Klassenzimmer verlassen, um sich im sogenannten Ressourcenraum neues Wissen und Lernkompetenzen aneignen zu können. In diesem Raum befinden sich speziell in Begabtenförderung ausgebildeten Lehrpersonen sowie inspirierendes Material. Dazu gibt es einen Wochenplan, der Zeitfenster für verschiedene Unterstützungsangebote anbietet, so dass die Kinder selber entscheiden können, wann sie in der Klasse und wann im Ressourcenraum arbeiten.
Renzulli und seine Mitdenkerinnen Sally Reis, die später seine Ehefrau wurde, und Linda Smith legten Wert darauf, dass die Teilnehmenden nicht aufgrund eines IQ-Tests nominiert wurden sondern aufgrund eines breit angelegten Talentportfolios, der Einschätzung von Lehrpersonen oder besonderen Ergebnissen aus selbstgewählten Arbeitsprozessen. Dieser multi-faktorielle Zugang war ebenfalls eine Neuheit in dieser Zeit – und ist es vielerorts auch heute noch geblieben.

In einem früheren Blog habe ich das Drei-Ringe-Modell erklärt, das ebenfalls von Joe Renzulli stammt. Es beruht darauf, dass Hochleistung nur an der Schnittstelle von Motivation, Kreativität und Aufgabenverpflichtung zustande kommen kann. Das Drehtürmodell will in diesen drei Bereichen Unterstützung bieten, dass begabte Kinder eben nicht in eine Minderleistung abrutschen. Gleichzeitig bietet das Drehtürmodell die Chance für eine breit angelegte Begabungsdiagnostik, weil eben noch andere Lehrpersonen, die Fachleute in dieser Thematik sein sollten, ein Auge auf die Lernenden haben und sie optimal begleiten können sollten.
Durch ständige Weiterentwicklung seiner Arbeit und die Flexibilität, dass seine Modell auch vor Ort von den einzelnen Schulen angepasst werden können, möchte Renzulli die Schulen befähigen, mit dem SEM einen Ort zu schaffen an dem „für alle Schüler einen Platz zur Talententwicklung“ sein kann.

Umsetzung vor Ort

Es gibt in unzähligen Schulen im DACH-Raum Ansätze des Drehtürmodells.
Ich versuche sie hier mal nach Möglichkeiten geordnet aufzulisten, wobei mir bewusst ist, dass die Liste niemals vollständig sein kann:

Teilnahme an regulären Unterricht einer anderen Stufe (Gymnasialstufe)

– Teilnahme am Fachunterricht einer höheren Klasse (Drehtür nach oben), wird oft auch als Gasthörerschaft bezeichnet
– Teilnahme am Fachunterricht einer tieferen Klasse (Drehtür nach unten)

Wahl von inhaltlich bestimmten Drehtürangeboten

– fachliche Erweiterungs- oder Vertiefungsprojekte
– Vorbereitung auf Wettbewerbe oder Projekte
– gezielte Wahl von Drehtürkursen
– Pulloutangebote

Öffnung nach aussen

– Kinderkanti 
– Kinderuni
– Musiktalent-Kurse
– Regionale oder kantonale Pulloutkurse
– Kooperation mit anderen Schulen
– Kooperation mit Unternehmen
– Zusammenarbeit mit externen Fachkräften oder Dozenten

Varianten

– Lernende unterrichten selber
– Mentorateeigene
– freie Projekte

Herausforderungen

Beim Drehtürmodell handelt es sich also um die Möglichkeit für Schüler*innen, den regulären Unterricht zu verlassen, um von einer anderen Fördermöglichkeit zu profitieren.
Dabei gibt es auf schulischer und persönlicher Ebene Herausforderungen, die nicht unerwähnt bleiben sollen:

  • Die Gestaltung des Stundenplans. Es ist sicher nicht möglich, dass beispielsweise alle Mathematikstunden immer zur gleichen Zeit stattfinden, so dass ein jüngeres Kind während seiner Mathe-Lektion in einer höheren Stufe teilnehmen kann.
  • Zudem kann eine solche Teilnahme auch zu einer Überforderung des Kindes führen. Hier ist eine gute Abwägung und Begleitung notwendig. Allerdings zeigen die Erfahrungen, dass viele begabte Kinder damit doch gut klar kommen.
  • Eine gute interne und externe Kommunikation ist unabdingbar.
  • Begabungsförderung sollte sich nicht nur auf Drehtürangebote beschränken, sondern Teil des Schulprogramms sein und von allen an der Schule Beteiligten unterstützt werden.
  • Die von Renzulli empfohlene „mehrperspektivische Diagnostik“ durch eine grössere Anzahl involvierter Lehrpersonen findet aber leider an dem meisten Orten nicht wirklich statt.

Glanzlichter

  • Viele Lehrpersonen nehmen Drehtürangebote als Erleichterung wahr, weil die Förderung durch Anreicherung des Unterrichts , also in die Breite, irgendwann an Grenzen stösst.
  • Für viele begabte Kinder ist diese Möglichkeit die Chance endlich mal zu zeigen, was in ihnen steckt.
  • Viele Kinder finden in Drehtürgruppen auch zum ersten Mal Freunde. Endlich Kinder, die so ticken wie sie selber!

Ich wünsche mir für alle Kinder unserer Schulsysteme, dass ihre Schulleitungen und Lehrpersonen den Schwung von Drehtüren mit an ihre Wirkungsorte nehmen und so neuen Drive ins Lernen ihrer Schützlinge bringen können.

Für Hilfestellungen und Unterstützung bin ich gerne da.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.