Was bedeutet Minderleister?

Gerade in Facebookgruppen oder Foren wird oft über hochbegabte Minderleister geschrieben. Aber was bedeutet Minderleister eigentlich? Eltern schreiben oft darüber, dass ihr Kind ein Underachiever (der Begriff kommt aus den USA, die in der Hochbegabtenforschung Pionierarbeit geleistet haben) sei. Weil mich diese schludrig dahingeworfenen Aussagen manchmal nerven, möchte ich hier gern mal präzisieren.

Zum Begriff „Minderleister“

Natürlich können auch durchschnittlich begabte Kinder unter ihren Potenzialen leisten. Am häufigsten wird der Begriff „Minderleister“ aber im Kontext von Hochbegabung gebraucht. Von Hochbegabung wird ab einem IQ>130 gesprochen. Gemeinhin geht man davon aus, dass Hochbegabte auch zu hohen Leistungen fähig sind. Erfüllen sie diese Erwartung nicht, spricht man meist von Minderleistern oder eben Underachievern. Allerdings gibt es dazu keine einheitliche Definition.
Hier begegnet uns auch schon ein Knackpunkt: Leistung hat viele Aspekte. Ein Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulleistung ist zwar unbestreitbar, aber nicht zwingend. Kognitive Leistungsfähigkeit unterscheidet sich von schulischer Leistungsfähigkeit. Warum dies so ist, schauen wir weiter unten an. Wer sein kognitives Leistungspotenzial nicht umsetzen kann (oder will), wird in die Schublade Minderleister gesteckt – ist das gerechtfertigt?

Minderleister intelligent und demotiviert
Minderleister sind meist beides

Wie wird man zum Minderleister? Gründe und Entstehungszusammenhänge

Die Forschung zeigt, dass Minderleistung nicht angeboren sondern auf die persönliche Entwicklungsgeschichte und die komplexen Einflüsse von aussen zurückzuführen ist. Ganz grob lassen sie sich in vier Gruppen einteilen:

  • das psychosoziale Umfeld, also Familie und Freunde, ausserhalb der Schule
    Es spielt dabei keine grosse Rolle, ob eine bildungsferne oder bildungsambitionierte Familie hinter dem Minderleistenden steht. Allerdings sind Minderleistende bei erstgenannter häufiger.
  • die betroffene Person selber
    Jeder Mensch ein Individuum. Den meisten Minderleistenden sind ein schlechtes Selbstbild punkto Leistungsfähigkeit, unsystematischem Lern- und Arbeitsverhalten, tiefer Motivation und wenig Durchhaltevermögen gemeinsam. Dies alles führt zu Schulunlust.
  • den Unterricht als wichtigen Raum für Lern- (und Leistungs-!)prozesse plus das Zusammenwirken von Lehrpersonen und Klassenkameraden
    Engagierte Lehrpersonen verstehen es in aller Regel gut, das Unterrichtsgeschehen so zu gestalten, dass Interesse und Vorwissen der Kinder einbezogen werden und Lernmöglichkeiten dem jeweiligen Niveau angepasst sind. Leider gibt es auch andere.
  • das Schulsystem selber
    Dass unser Schulsystem eine grundlegende Reform anstelle von 1000 Reförmchen nötig hätte, wurde an anderer Stelle schon moniert. In vielen Fällen kann von einem klassischen Missfit gesprochen werden. Unsere Schule wurde Ende des 19. Jh. für künftige Fabrikarbeiter konzipiert – das ist definitiv nicht mehr zeitgemäss.

„Underachievement ist ein Produkt misslungener Bildungsprozesse“

Victor Müller-Oppliger

Das Zitat meines leider all zu früh verstorbenen Studienleiters zeigt, wie komplex das Thema Minderleistung ist. Persönlichkeitsmerkmale und systemische Faktoren im Umfeld und der Schule sind oft schwierig zu bestimmen und positiv zu lenken.
Minderleistung entwickelt sich oft im späten Primarschulalter und wird am herausforderndsten in der Sekundarstufe. Hier spielt nebst der Unterforderung oft auch das hormonelle Chaos mit. Auf der Oberstufe werden beim Auftreten schlechter Schulleistungen erfahrungsgemäss selten Überlegungen zum Begabungspotenzial gemacht. So werden dort hochbegabte Schüler:innen mit schlechten Schulleistungen tendenziell weniger entdeckt.

Diagnostik

Es macht in meinen Augen nur wenig Sinn, eine vermutetes Underachievement mittels eines klassischen Testverfahrens zu belegen. Ein Kind, das schon tief in die Minderleistung abgerutscht ist, schafft es in der Regel nicht, bei einer Potenzialevaluation seine kognitiven Möglichkeiten auszuspielen. Deshalb spielt der diagnostische Zugang der Beobachtung im schulischen Umfeld eine wichtige Rolle.
Allerdings ist diese ist für Lehrpersonen äusserst anspruchsvoll. Das Lernverhalten von Schüler:innen zu beobachten, deren Lernprozesse zu verstehen und die Beobachtungen in einen Zusammenhang zwischen hoher Begabung und tiefen Schulleistungen zu bringen, braucht viel Erfahrung und Fachwissen.
Unterstützung können hier Checklisten bieten. Dennoch sind auch sie mit Vorsicht zu geniessen. Sie sollten nicht der profanen Ratgeberliteratur entspringen sondern professionellen Beratungskontext aufweisen.

Anhaltspunkte um Minderleister zu identifizieren

Vielleicht können die unterstehenden Anhaltspunkte helfen Minderleistende – also intellektuell Hochbegabte mit schlechten Schulleistungen – zu identifizieren:

  • Der/ die Schüler:in zeigt besondere Leistungen ausserhalb des Unterrichts und im ausserschulischen Bereich.
  • In der Vergangenheit wurden sehr gute Schulleistungen erbracht. Es erfolgte ein massiver Leistungseinbruch.
  • Bei der Einführung neuer Unterrichtsthemen fällt der/ die Schüler:in durch schnelle Auffassungsgabe auf, scheint aber im Verlaufe des Unterrichts «abzuschalten».
  • Der/ die Schüler:in passt im Unterricht nicht auf, bringt aber zwischendurch auffallend gute Beiträge, besonders bei schwierigen Themen.
  • Der/ die Schüler:in meldet sich im Unterricht nicht, weiss aber die richtige Antwort, wenn man nachfragt .
  • Eltern, Nachbarn oder andere Bezugspersonen beobachten trotz schlechter Schulleis-tungen besondere Fähigkeiten oder Fachwissen.

Fördermassnahmen für Minderleister

Die Förderung von Underachievern konzentriert sich auf drei Bereiche:

  • ausserschulische Beratung
    Familien, die bei begabt & glücklich anklopfen, möchte ich vor allem helfen, die persönliche Situation zu verstehen. Dabei versuchen wir Persönlichkeitsmerkmale und Verhalten einzuordnen, Ressourcen zu entdecken und wenn immer möglich Veränderungen anzustossen.
  • Förderung ausserschulischer Massnahmen
    Kinderunis, Schülerakademien o.ä., die genau auf die Interessengebiete des Kindes abzielen, können helfen, neue Motivation und Selbstvertrauen zu tanken. Wenn hohe Schulleistungen vorausgesetzt werden, können oft auch Empfehlungsschreiben von Fachpersonen, die die Hochbegabung dokumentieren, hilfreich sein.
  • individuelle Förderung und Beratung in Schule und Unterricht
    Vor allem im amerikanischen Schulsystem existieren einige Schul- und Unterrichtskonzepte für Minderleistende. Als übergeordnete Massnahmen haben sich Akzeleration und Enrichment etabliert. Offene Lernformen, Individualisierung und Binnendifferenzierung und allgemein Kriterien eines begabungsförderlichen Lernens erhöhen zwar das Engagement aller Lernenden, sind aber nicht spezifisch auf Minderleister ausgerichtet. Lehrpersonen werden zur Unterrichtsplanung und dem Handeln während des Unterrichts immer noch zu wenig Hilfestellungen geboten.
    Relevant sind Kommunikations- und Beratungskonzepte, die „das System Schule mit seinen Regeln erklären und individuelles Verhalten thematisieren“ (Handbuch Begabung, (2021) Beltz-Verlag, S. 553). In Fallstudien sind „Hinweise darauf ersichtlich, dass fehlendes Wissen über die Bedingungen des komplexen Schulsystems und Unterrichts für manche Hochbegabten eine entscheidende Hürde darstellt und damit probleminduzierend wirkt“ (ebenda).
Kinder am Globus
Entdeckendes Lernen kann helfen, Minderleistung vorzubeugen

Individuelle Förderung und Beratung in Schule und Unterricht– ganz konkret

Bewährt hat sich eine „Pädagogik der kleinen Schritte“. Kleine Schritte deshalb, weil das Kind eine grosse Menge an Verhaltensänderungen meistern muss, um erfolgreich durch das System Schule zu kommen. Und damit dies gelingen kann, müssen die Schrittchen entsprechend klein angesetzt werden. Werden die Massnahmen erst nach der Primarschulzeit initiiert, müssen die Schritte noch kleiner sein, weil sich Verhaltensweisen schon sehr stark eingeprägt haben!

Der gemeinsame Weg, der auch durch Rückschritte geprägt sein kann, ist auf eine positive Lern- und Persönlichkeitsentwicklung ausgerichtet. Es ist keinesfalls eine Art „Nachhilfe-Unterricht“. Es geht vielmehr darum, dass sich Kinder in der Schule wohlfühlen. Die Lehrperson kann unterstützend wirken, in dem sie versucht, im Kind eine Motivation zu erzeugen, die in konkreten Handlungen mündet. Hier ist – wie im Elternhaus übrigens auch – wichtig, dass kleine Schritte in die richtige Richtung gelobt werden. Das Verhalten soll positiv herausgestrichen werden – nicht das Ergebnis!

Sind Minderleister unglücklich?

Es lohnt sich auf jeden Fall immer, bei schlechten Schulleistungen genau hinzuschauen. Bestätigt sich der Verdacht auf Minderleistung , ist eine differenzierte Diagnostik, aber nicht zwingend Testdiagnostik!, nötig.
Auch wenn von einer kleinen Anzahl von intellektuell hochbegabten Minderleister:innen ausgegangen werden kann, ist es doch bedauerlich, wenn diese ihr intellektuelles Potential nicht umsetzen können.
Auf allen Stufen sollte vor allem auf die Prävention gesetzt werden. «Guter Unterricht ist durch ein hohes Mass an Individualisierung gekennzeichnet und kann damit der Entwicklung und Verfestigung von «Underachievement» vorbeugen. Dieses Vorgehen unterstützt und fördert übrigens alle Lernenden auf ihrem Lernweg (vgl.Rost
und Sparfeld, 2007, S. 79).

Was vielleicht komplex klingt, heisst eigentlich nichts anderes, als dass ein differenzierender, begabender Unterricht allen Kindern zugute kommt und helfen kann, ein Abfallen in die Minderleistung zu verhindern. Wie oben bereits erwähnt, ist Minderleistung multifaktoriell und es liegt mir fern, den Lehrpersonen die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Eine Prise Ethik zum Schluss

Das Phänomen der Minderleistung wirft viele Fragen auf. Vor allem als Lehrpersonen und Berater:innen fühlen wir uns verpflichtet, jeden Menschen bei der Entfaltung seines Potenzials zu unterstützen. Wir setzen uns dafür ein, dass alle Schüler:innen ihre Potenziale leben und sichtbar machen können. Nichtsdestotrotz leuchten in meinem Hinterkopf kleine Fragezeichen:

  • Warum liegt unserer Gesellschaft so viel daran, dass alle Potenziale ausgeschöpft werden?
  • Sollen Kinder und Jugendliche bis an ihre kognitive Leistungsgrenze gefordert werden?
  • Bringen ausgereizte Leistungspotenziale persönliche Zufriedenheit und einen Platz im sozialen Gefüge?

Wir wissen mittlerweile, dass ein ausgeschöpftes Leistungspotenzial weder die Sicherheit auf einen Arbeitsplatz noch auf persönlichen Erfolg und Lebenszufriedenheit sicherstellt.

Als Begabungsexpertin stelle ich das Wohl des Kindes ins Zentrum. Allerdings lasse ich mich durch ein schnodderiges „klar bin ich glücklich“ eines pubertierenden Jugendlichen auch nicht abwimmeln. Genaues Hinhören und aufmerksames Hinschauen können helfen, verschüttetes Interesse und Lernfreude wieder freizulegen und das Kind zu unterstützen, seine Potenziale wieder zu leben.




4 Gedanken zu „Was bedeutet Minderleister?

  1. Von: Shivani

    Liebe Dina,
    was für ein umfangreicher und hilfreicher Artikel. Ich arbeite mit den „Kindern“ wenn ihnen nicht so ein Engel wie du begegnete – und zwar 20 Jahre später.
    Viel Spaß bei deiner Arbeit

    Antworten
    1. Von: Dina Mazzotti

      Danke für diesen liebevollen Kommentar, liebe Shivani!

      Antworten
  2. Von: Karen

    Toller Artikel, allerdings stolpere ich über zwei Punkte um Hochbegabte Kinder dennoch zu identifizieren: 1. außerschulisches Engagement & sehr gute Leitungen in der Vergangenheit. Beides war nun bei meinem Sohn nie der Fall, Hochbegabt ist er trotzdem. Würde das dann bedeuten, das er noch nie im System angekommen war? Ihn zu unterstützen in seinen Spezialinteressen ist ja auch schwer wenn er nur völlig autonom arbeiten will und jedes mehr & jeden Vorschlag als Kritik oder „Einmischung“ ablehnt.
    Ich möchte an der Stelle natürlich keine Einzelberatung 😅 aber beim lesen hab ich so gedacht: wenn er sein Potential einfach nirgendwo richtig zeigt, es aber sicher da ist, wo fängt man denn dann an?
    Lg Karen
    (Missverstanden.hoch.2 😉 )

    Antworten
    1. Von: Dina Mazzotti

      Liebe Karen
      Danke für deinen interessanten Einwand. Ich weiss, dass es viele psychologisch Tätige gibt, die mir widersprechen würden. Meine Erfahrung ist einfach so, dass Kinder, die schon in eine Minderleistung abgerutscht sind, auch an einer Testung nicht ihr volles Potenzial zeigen können/wollen.Ich denke einfach, dass genaues Beobachten und das Einbeziehen ausserschulischer Tätigkeiten sehr wohl auch Aufschluss über Potenziale geben können.Ohne deinen Sohn zu kennen, würde ich sagen, lass ihn machen und hole seine Wünsche und Bedürfnisse ab – was jetzt nicht heisst, dass er zum verwöhnten Prinzen werden soll, der nur noch agieren kann, wie es ihm beliebt.
      Herzliche Grüsse, Dina

      Antworten

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